«Der Mensch ist unersetzlich»

6. April 2018 agvs-upsa.ch – Praktisch jeder Garagist und Händler arbeitet täglich wie selbstverständlich mit ihnen – und verlässt sich voll und ganz auf sie: tagesaktuelle Fahrzeugdaten. Welchen Weg die Daten bis zum Computer des Garagisten zurücklegen und wie viel «Mensch» hinter diesen Datensätzen steckt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen von Auto-i-dat. 
 
Blick hinter die Kulissen: Die Datenspezialisten der auto-i-dat-Redaktion (v. l.) Danny Fehr, Azren Rastoder, Andrej Boskovic, Remo Gemperli, Adnan Franca, Valmir Azizi, Desio Notardonato, André Schlittler und René Mitteregger.

tki. «Ihr bekommt die Daten von den Importeuren und kopiert die einfach in euer System, oder?»: Ein Satz, den Auto-i-dat-Mitarbeiter häufig zu hören bekommen. Oder anders gefragt: Was tut ein Fahrzeugdatenredaktor eigentlich den ganzen Tag lang? Fakt ist, dass standardisierte Datensätze sowohl für Markenvertreter als auch für freie Garagisten, die im Occasionshandel tätig sind, unumgänglich geworden sind. Es fehlt an Zeit und Ressourcen, um sich in Eigenregie durch das Datenwirrwarr im Internet zu pfaden. Und die Daten müssen tagesaktuell sein – immerhin wird ein Garagist nur als kompetent wahrgenommen, wenn er bei der Fahrzeugwartung, -reparatur und dem Autoverkauf auf die neusten Daten zurückgreifen kann.

Daten sind nicht gleich Daten
Die Auto-i-dat AG hat sich genau dieser Herausforderung verschrieben. Das in Zürich-Wollishofen domizilierte IT-Unternehmen hat dabei zwei Temposchwellen der schnelllebigen automobilen Welt zu nehmen: die Modell- und Ausstattungsvielfalt und die hohe Qualitätserwartungshaltung der Datennutzer. Geschäftsführer Wolfgang Schinagl umreisst das Kerngeschäft folgendermassen: «Wir erfassen alle Daten von Personenwagen, Nutzfahrzeugen und Motorrädern, die in der Schweiz zugelassen sind.» Die Krux: Das Auto als Produkt ist zwar immer dasselbe. Die Datensätze kommen aber sogar innerhalb einer Marke sowohl in verschiedenen Formaten als auch für unterschiedliche Bedürfnisse bereitgestellt daher.
 
«Teils erhalten wir PDF-Dokumente, die eigentlich als Marketinginstrumente angedacht sind, manchmal über 100-seitige technische Dossiers der Importeure», schildert Schinagl. Kurzum: Die Datensätze weichen von Modell zu Modell, von Variante zu Variante ab und werden oft innert Wochenfrist überarbeitet. Ein Beispiel: Die meisten Fahrzeugimporteure stellen Daten in drei Ausführungen zur Verfügung; in Form eines Infoschreibens an die Händler und somit Verkäufer, als gelayoutete Preislisten und als rohe Datensätze. Will heissen, die Daten werden sowohl von Disponenten als auch etwa von Marketing-, aber auch IT-Abteilungen zusammengetragen. In einheitlicher Form? Fehlanzeige.

«Aufgrund der Kompatibilität der Typen- und Bestellcodes müssen wir zunächst unsere Datenbanken verknüpfen. So stellen wir mit Schnittstellen im Dealer Management System sicher, dass alle Fahrzeuge, die von der Dispo des Importeurs erfasst worden sind, auch bei uns in der Datenbank sichtbar sind und schliesslich von den Verkäufern und dem Werkstattpersonal genutzt werden können», erklärt Azren Rastoder, Leiter der Auto-i-dat Redaktion.

Eine Rechercheabteilung, die in den letzten fünf Jahren verdoppelt worden ist. Die heute zehn Mitarbeiter leisten Arbeit, die nicht nur Genauigkeit, sondern auch Autoaffinität und ein profundes Szene­kennen voraussetzt, wie Wolfgang Schinagl erörtert: «Wir sind auf ein gutes Netzwerk und persönliche Kontakte in der Branche angewiesen. Auf unserer Redaktion arbeiten zehn Personen, die aktiv auf Händler, Garagisten, Importeure und Hersteller zugehen, um täglich Daten und Nebeninformationen wie Ausstattungspräferenzen zu sammeln.»

Der Faktor Mensch bleibt wichtig
Erst mit diesem Rundumwissen über Listenpreise und Modellvarianten erarbeiten die Zürcher IT-Spezialisten auf die Schweiz gemünzte Fahrzeugdatensätze. «Diese werden dann von unserem selbst entwickelten System permanent auf Updates abgeglichen», ergänzt der Geschäftsführer. Doch an diesem Punkt stösst die hoch entwickelte Technik bereits an ihre Grenzen. «Jetzt kommt erneut ein Redaktor zum Zug, der die Veränderungen der Datensätze bewerten und einordnen muss, ob sie für unsere Kunden, die Garagisten und Händler, überhaupt relevant sind», so Schinagl.

Der Mensch hinter der Auto-i-dat-Software ist also trotz eines Prozessautomatisierungsgrads von bis zu 70 Prozent unverzichtbar – «und bleibt es noch lange», wie Schinagl betont. «Trotz der vielen Vorteile der sich rasant weiterentwickelnden Technologie eine schöne Tatsache», windet der Auto-i-dat-Chef der Arbeit seiner 30 Angestellten ein Kränzchen. Eine Tatsache, die aber auch erklärt, dass gut aufbereitete Fahrzeugdaten ihren Preis haben.

Informationen bündeln, einordnen, verständlich machen
«Es ist Knochenarbeit, denn wir bilden Preislisten ab, wir schreiben sie nicht ab», stellt Redaktionsleiter Azren Rastoder fest und blickt sichtlich stolz auf seine neun Abteilungskollegen – allesamt Männer.

Das Prinzip der Datenabbildung folgt dem Baukastenprinzip. «Wir erstellen in der Datenbank ein Fahrzeug und verknüpfen alle einzelnen Ausstattungsoptionen von weit über 35 000 Möglichkeiten bis hin zu den Typenscheinzulassungen, die wir erst allen Fahrzeugen und für alle Reifendimensionen in Handarbeit zuordnen müssen.

Bei jeder Mehrausstattungsoption ist wiederum ein Ausschlusscode für nicht verfügbare Kombinationen angehängt – notabene in vier Sprachen», versucht der 32-Jährige den Inhalt seiner Arbeit grob und für Laien verständlich zu skizzieren. «Das heisst, wir lassen das die Computer machen, was sie besser können: Einordnen und vergleichen. Für die ganze Datenbanklogik ist der Mensch zuständig», hakt Schinagl ein.

«Wir erleben täglich Überraschungen»
Dass der Aufwand in den Details begründet ist, erlebt Redaktionsleiter Azren Rastoder täglich: «Es gibt keinen Tag ohne Überraschungen», sagt er schmunzelnd. Es gibt denn auch keinen Acht-Stunden-Tag bei der Auto-i-dat AG. «Wir sind alle leidenschaftliche Autofans und Newsjunkies. Ob abends, im ÖV auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause: Wir diskutieren Fahrzeugkomponenten, lesen Autonews, schauen Reportagen – wir leben die Welt der automobilen Technologie.»

Und dass diese Welt in PS-starkem Tempo dreht, wurde den Redaktoren bereits als Begrüssung nach dem Jahreswechsel wieder ins Gedächtnis gerufen. «99 Prozent der Hersteller passten per 1. Januar ihre Preislisten an. Auf uns warteten 400 Preislisten mit mehreren 1000 Fahrzeugen. Stand heute sind wir wieder wochen- und somit topaktuell – was der Erwartungshaltung unserer Kunden entspricht.» Wochenaktualität ist bei Auto-i-dat zudem jeden Donnerstag die Devise: 2500 Fahrzeuge erfahren pro Kalenderwoche ein Datenbankupdate.

I-Pace: Auf einmal muss es schnell gehen ...
Ein aktuelles Beispiel für das Arbeitstempo der Auto-i-dat AG liefert derweil der bis zum Auto-Salon-Start noch streng geheim gehaltene vollelektrische Jaguar I-Pace. «Eine Woche vor der Weltpremiere in Genf erhielten wir eine ‹Schwette› an Informationen», so Rastoder.

Normalerweise würden die Schweizer Importeure zu diesem Zeitpunkt festlegen, welche Ausstattungsvarianten sie bewerben wollen. «Wir mussten nun vorgreifen und nach unseren Standards Daten für übliche Modellvarianten aufbereiten.» Ein kleines Zeitfenster – «aber wir haben es geschafft», sagt Rastoder mit einem Schmunzeln. «Und solchen einen Kraftakt müssen wir stets stemmen können», fügt Schinagl an, «denn sobald der Schleier am Salon gelüftet wird, erwartet die Welt Fahrzeugdaten. Die Kunden wollen wissen, was die Fahrzeugausführungen kosten, die Händler wollen verkaufen.»

Mit Updates der Komplexität annähern
Die Auto-i-dat AG Datenbank berücksichtigt mittlerweile die Fahrzeugdaten aller relevanten Marken – darunter auch einige Raritäten und Spezialitäten wie Caterham oder etwa Maserati – und reicht bis ins Jahr 1980 zurück. Diese Fülle an Verknüpfungsmöglichkeiten zwingt die Fahrzeugdatenverarbeiter somit zu einem iterativen Vorgehen. Stehen die Basisdaten einmal bereit, beobachten die Experten Angebot- und Nachfrageentwicklung der optionalen Fahrzeugausstattungen und liefern spezifische Daten per Update nach.

«Der Wert unserer Arbeit liegt im Detail all dieser Millionen Komponenten der Datensätze. Unsere Daseinsberechtigung liegt also darin, schneller und umfassender als alle anderen zu sein», sagt Schinagl und lässt seinen Blick zufrieden durch den Redaktionsraum schweifen, ehe er an der DR!FT-Teststrecke, die am Auto-Salon zum Einsatz kam, hängen bleibt: «Es ist wie beim Rennsport: Geschwindigkeit, Vorsprung und internationale Konkurrenz spornen an.» 
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