​Aus dem Werkstattalltag gerissen: Eine Garage steht hinter ihrem Lernenden

19. Januar 2018 autoberufe.ch – Die Achterbahnfahrt des Lebens erfasst eine Kleingarage mitunter ungeahnt und mit voller Wucht. Als Paolo Araújo seinem Lehrmeister Ivo Musch von der Centralgarage Musch in Altdorf von einem schweren Schicksalsschlag berichten musste, galt es für alle – das private Umfeld wie auch das Garagenteam und die Berufsschulverantwortlichen – zusammenzuhalten, Verständnis zu zeigen, sich mit der Situation zu arrangieren und nach vorne zu blicken.
 

Ein gutes Team: Paolo Araújo und sein Chef Ivo Musch.

tki. Sommer liegt in der Luft, in der Centralgarage Musch an der Gotthardstrasse in Altdorf ist es vergleichsweise ruhig – es bleibt Zeit, sich jenen Arbeiten zu widmen, die während des üblich stressigen Werkstattalltags warten müssen. Und heute steht das Team im Fokus: Die Mitarbeiter wollen auf dem Klausenpass zusammen Abendessen, die Geselligkeit und den kollegialen Umgang pflegen. Inhaber Ivo Musch bittet seinen Lernenden Paolo Araújo, zu fahren. Noch so gern führt der angehende Automobil-Fachmann im zweiten Lehrjahr diese Aufgabe aus – denn Autos sind nicht nur seine Berufung, sie sind auch seine Leidenschaft. «Auf dem Parkplatz angelangt lege ich den Rückwärtsgang ein, weit und breit kein Hindernis», schildert der heute 22-Jährige die gewohnten Schritte des Retoureinparkierens – doch dann kracht es, materiell wie auch privat.

Eine Kollision, ein Untersuch, ein Schicksalsschlag
«Paulo fährt rückwärts gegen die Leitplanke – ohne ersichtlichen Grund», erinnert sich Ivo Musch an die Begebenheit zurück, die ungeahnte Konsequenzen nach sich ziehen sollte. «Er erzählte mir, dass er seit einiger Zeit an Kopfschmerzen leide, ja, dass es ihm plötzlich schwarz vor Augen werde», so Musch, der seinen Auszubildenden darum bittet, den Arzt zu konsultieren. Zwei Tage später dann die Diagnose: Paolo Araújo leidet an einem Hirntumor, dessen Ableger unter anderem so nahe am Sehnerv liegen, dass eine Operation ausgeschlossen werden muss. «Ich fahre guten Mutes zu meinem Hausarzt – einige Minuten später sitze ich schon im Krankenauto und bin auf dem Weg nach Basel, wo ich schnellstmöglich behandelt werden muss», schildert der junge Mann seinen Schicksalsschlag.
 
Keine Woche später ist der Stammtumor operativ entfernt, doch Paolo Araújo muss seine Bewegungsfähigkeit sowie seine Seh-, Tast- und Geschmackssinne wiedererlangen, geht vorerst am Rollator und muss sich bis zur weiteren Chemotherapie zu Hause in Wassen schonen. Eine Geduldsprobe sowohl für den Betroffenen und seine Familie als auch für seinen Lehrbetrieb. Denn fehlt einer der zwölf Mitarbeiter voraussichtlich während eines ganzen Jahres, gilt es, als Team zusammenzuhalten, sich mit der Arbeitslast zu arrangieren, den Heilungsverlauf abzuwarten. Eine Situation, die einen Lehrabbruch nach sich zieht? «Niemals», so Ivo Musch prompt. «Denn das hätte Paolo völlig den Boden unter den Füssen, sämtliche Motivation und Zukunftsperspektiven entrissen.»

Ungewissheit lähmt in der Unternehmensplanung
Eine ungewisse Situation, die einen Garageninhaber blockiert. Musch spricht in seiner Verantwortung als Unternehmer klare Worte: «Ein Lernender fehlt während seiner Ausblidung per se drei Tage pro Woche, ist zudem nicht für alle Arbeiten einsetzbar, aber fehlt dennoch schmerzlich.» Nebst der Unsicherheit ob des Krankheitsverlaufs, ob der Mitarbeiter überhaupt wieder zurückkehren könnte, lähmte die Frage, wie Paulo einst wieder ins Team integriert werden kann, wie er einsetzbar sein würde.

Vier Faktoren zum Firmenerfolg
Eine Situation also, die einen Arbeitgeber plötzlich in eine neue Rolle schlüpfen lässt – die des Familienvaters, der die schützende Hand über seinen Lernenden zu halten hat. Diese Haltung wird deutlich, wenn ein Kunde Ivo Musch nach dem Erfolg eines Geschäftsjahrs fragt. «Diesen mache ich stets von vier Komponenten abhängig: Ist keinem meiner Mitarbeiter ein Unfall oder eine schwerwiegende Krankheit widerfahren? Waren wir in keine Rechtsstreitigkeiten involviert? Hatten wir Spass bei unserer Arbeit? Hat es sich gelohnt?» Kurzum: Das Finanzielle muss stimmen, aber das Traditions- und Familienunternehmen gewichtet die sozialen Kriterien als genauso wichtig für den unternehmerischen Erfolg. Werte, die auch die Kundschaft mitbekommen soll.

Fachkräfte und Menschen weiterbringen
So richtet Musch seinen Appell an die Ausbildungsbetriebe: «Nebst dem Fachlichen müssen wir eine gesellschaftliche Pflicht erfüllen. Unser Berufsnachwuchs wird in ein herausforderungsreiches Umfeld entlassen. Er muss imstande sein, sich auf rasante Entwicklungen einzustellen, sich an technische wie auch von Kunden geäusserte Bedürfnisse anzupassen, in seinen Umgangsformen korrekt und in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen und auf eigenen Beinen zu stehen.»

Denn diese Adaptionsfähigkeit käme schliesslich der Branche zugute. «Es gibt immer wieder Werkstattmitarbeiter, egal welchen Alters, die frühmorgens mit der Erwartungshaltung auftauchen, dass ihnen der Chef ein Auto organisiert hat, an dem sie bis 17 Uhr arbeiten und dann pünktlich wieder nach Hause können. Diese Zeiten sind vorbei, die Zukunft ist unberechenbarer, individueller», gibt Ivo Musch zu bedenken, «denn das Zentrum unseres Tuns ist es, das Bedürfnis des Kunden an seinem investitionsintensiven Fahrzeug optimal zu befriedigen.»

Will heissen: Die Ausbildung muss Werthaltungen vermitteln, den Branchennachwuchs zu Mobilitätsdienstleistern heranreifen lassen, die fähig sind, im Gespräch und im Handwerk auf den Kundenwunsch einzugehen, Vertrauen zu schaffen und so eine Garage unternehmens- und überlebensfähig zu erhalten.

Wieder im Garagenalltag integriert und dankbar
Im August 2016 nimmt in Paolo Araújos Alltag nach Operation, Bestrahlung und Chemotherapie wieder Fahrt auf – «endlich», wie der 22-Jährige betont. «Ich konnte endlich wieder Auto fahren, mich frei bewegen, mein letztes Lehrjahr in Angriff nehmen und mit einem Jahr Verzögerung in der Berufsschule wieder einsteigen.»

Obschon ihm während des Qualifikationsverfahrens des Öfteren Kopfschmerzen und Blackouts einen Strich durch die Rechnung zu machen drohten, blieb Araujo am Ball. «Ich erhielt von den Experten an den Lehrabschlussprüfungen gar ein bisschen mehr Zeit als die anderen Kandidaten, damit ich, falls mein Kopf wieder auf Pause drücken sollte, nicht zusätzlich nervös sein musste», sagt er dankend. Und das Dranbleiben hat sich ausbezahlt: Heute darf sich Paolo Araujo eidgenössisch diplomierter Automobil-Fachmann nennen. Eine Berufswahl und solide Grundbildung, die ihm viele Türen öffne, einen abwechslungsreichen Alltag bereithalte und – nicht zuletzt – viel Freude bereite. Genau diese Freude und Dankbarkeit will er seinem Chef, seinem Team und den zahlreichen Kunden, die oft nach seinem Wohlergehen gefragt haben, weiterhin in der Centralgarage Musch in Altdorf weiterhin unter Beweis stellen.
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