Bereit, den Preis zu bezahlen


Edwin Koller von Freihof Garage AG in Näfels GL.


23. August 2018 agvs-upsa.ch – Die grossen Betriebe werden immer grösser, kleinere Betriebe beginnen sich zunehmend zu spezialisieren – aber es gibt auch noch jene mittelgrossen Betriebe, die sich im Markt behaupten und investieren, weil sie an die Zukunft des Autogewerbes glauben. Einer davon ist die Freihof Garage und steht am Ortsrand von Näfels, an der stark befahrenen Strasse quer durch das Glarnerland.

kro. Wer über das Wochenende auf dem Klausenpass eine Panne hat – und das passiert besonders bei schlechtem Wetter häufiger, als man annimmt – hat gute Chancen, Edwin Koller kennenzulernen. Der Garagist unterhält einen professionellen Pannendienst, fährt auch für die Strassenhilfe Glarnerland und ist offizieller Partner aller Versicherungen und des TCS. Diesen Sommer war’s beson­ders streng. Fahrzeuge, die stecken geblieben oder verunfallt sind, meistens ist es aber banaler: die Schlüssel im Auto und der Wagen verschlossen. Zusammengezählt verbringt Koller übers Jahr hindurch Wochen in seinem Land Rover Discovery – vor allem an den Wochenenden.

Garagist mit Leib und Seele
Pannenhilfe ist aber nur sein Nebenjob. Hauptberuflich ist Edwin Koller Garagist, einer mit Leib und Seele. Dass er ins Autogewerbe einsteigen würde, war sehr früh klar: Schon in der 6. Klasse wusste der Lehrer, dass er mit dem Jungen nicht übers Gymnasium sprechen musste, obwohl die Noten dazu gereicht hätten: «Du willst ja Automechaniker werden.» Dass bereits sein Vater, sein Onkel und auch der Grossvater als Unternehmer im Autogewerbe erfolgreich waren, hat den Entscheid mit Sicherheit beeinflusst.

So führt Koller, inzwischen 40 Jahre alt, zusammen mit seiner Frau Daniela die Freihof Garage AG in Näfels seit 2006 in dritter Generation. Er tut dies mit derselben Konsequenz, mit der er früher sechs Mal die Woche Sport betrieben hat. «Heute habe ich dafür keine Zeit mehr», sagt er und es schwingt keine Spur von Bedauern mit; Koller ist ein Typ, der sich vollständig auf das konzentrieren kann, was im Moment wichtig ist. Und das ist die Entwicklung des Garagenbetriebs mit inzwischen 17 Angestellten.
Analogien zum Sport zieht Koller nicht nur, wenn es darum geht, auch dann kräftig in die Pedale zu treten, wenn einem der Sinn danach gerade einmal nicht steht; solche Tage hat er auch – «aber höchstens zwei Mal im Jahr».

Und wie im Sport weiss er, dass es nur ganz wenige gibt, denen das Talent in die Wiege gelegt worden ist; nicht jeder könne ein Roger Federer sein, sagt er. Andere, wie Koller selber, müssten sich den Erfolg hart erarbeiten. «Das», stellt er nüchtern fest, «ist vielleicht nicht besonders sexy.» Aber an etwas, das er sich nicht selber erarbeitet hat, hätte er keine Freude.

«Als Investor müssten sie die Finger davon lassen»
Während des Gesprächs mit AUTOINSIDE sitzt Koller in einer Baubaracke. Es ist ein Provisorium, weil an seinem Betrieb am Dorfausgang von Näfels gerade gebaut wird. Showroom und Werkstatt – alles neu. Er nimmt dafür Geld in die Hand und das würde er nicht tun, wäre er nicht überzeugt, dass das Autogewerbe eine Zukunft hat. Das sagt er nicht als Präsident der AGVS-Sektion Glarus, sondern als Unternehmer. Auch wenn er den Satz nachschiebt: «Wenn Sie heute den Neuwagenhandel durch die Brille eines kühl kalkulierenden Investors anschauen, müssten Sie die Finger davon lassen.»

Dass das Autogewerbe bei Banken deshalb nicht zu den Top-Ratings gehört, hat Koller bei seinen Verhandlungen auch zu spüren bekommen. Doch einer wie er lässt sich davon nicht beeindrucken: «Wir sind zur Bank und haben gesagt, was wir vorhaben und wie wir das tun werden und offensichtlich haben wir das so überzeugend gemacht, dass es keine grossen Diskussionen gab.» Er weiss aber auch, dass das nicht der Normalfall ist, weil ihm bewusst ist, wie stark sich das Autogewerbe schon verändert hat – und noch verändern wird: Die Grossen werden immer grösser und viele kleine Betriebe sichern sich ihr Überleben, indem sie sich spezialisieren.

Nicht zu klein, nicht zu gross
Die Grösse seines Betriebs hält Koller für ideal – nicht zu klein, um den nötigen Umsatz zu machen und nicht zu gross, um nicht unpersönlich zu werden. Denn darauf legt er sehr grossen Wert. Das Glarnerland ist überblickbar, jeder kennt praktisch jeden. Will man hier seinen Kundenstamm behalten oder gar ausbauen, muss man auf die Leute zugehen können. Koller kann das. «Fairness, Anständigkeit, Transparenz, Kulanz und sehr viel Fachverständnis», so beschreibt er die Wertebasis, auf der er sein Geschäft entwickelt.

Renault und Dacia, die zwei bisherigen Marken, wurden 2018 mit Mazda ­ergänzt. Koller hätte auch eine andere Marke wählen können, wollte seinen Garagistenkollegen aber «nicht ins Gehege» kommen. Als Präsident der AGVS-Sektion Glarus wäre das auch kein gutes Zeichen gewesen – und es hätte Kollers Haltung widersprochen: «Wir sind zwar Konkurrenten, aber am Ende des Tages sind wir Branchenkollegen, die alle dasselbe Ziel haben – zufriedene Kunden und sichere Fahrzeuge auf den Strassen.»

Neu im ESA-Verwaltungsrat
Seit diesem Frühjahr sitzt Edwin Koller im Verwaltungsrat der ESA. Noch ein Engagement, das er gerne übernommen hat, auch wenn der Aufwand sicher grösser wird «als die paar Sitzungen, die man mir in Aussicht gestellt hat», sagt er lachend. Das neue Mandat unterstreicht sein Engagement für das Autogewerbe. Die ESA kennt Koller bisher als ESA-Vorstand und als langjähriger und zufriedener Kunde.
 
Er ist gespannt darauf, die Einkaufsorganisation der Schweizer Garagisten auch aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Dass er sich aktiv einbringt, wo er sich engagiert, steht bei Koller ausser Frage, sonst würde er es nicht tun. Das ist nicht immer nur angenehm, weil Koller zwar sehr höflich ist, aber sagt, was er denkt. «Aus der Perspektive des Tagesgeschäfts heraus gibt es schon Impulse, die ich geben kann», sagt er, will das aber zuerst intern einbringen, bevor er konkret wird.

Dass er die Einladung in den Verwaltungsrat angenommen hat, hat auch damit zu tun, dass die ESA aus seiner Sicht für das Schweizer Autogewerbe «eine substanzielle Bedeutung» habe. Sie sei eine bereichernde Alternative zu den anderen Anbietern im Markt und erlaube es als Genossenschaft, «dass der Garagist sozusagen bei sich selber einkaufen kann». Die ESA sei nicht grundsätzlich der günstigste Anbieter, stellt er fest – das sei auch nicht nötig; «Aber die gute Qualität muss preiswert sein.» Vom Austausch mit Kollegen weiss Koller, dass man im Ausland die Schweizer Garagisten der ESA wegen beneide. «Alleine schon deshalb sollten wir dieser Organisation Sorge tragen.»

Was lehrt man noch – und was lässt man weg?
Sorge trägt Koller auch der Ausbildung des Branchennachwuchses, nicht nur im eigenen Betrieb. Als Experte begleitet er Lernende und beobachtet dabei, wie stark sich die Ausbildung seit seiner eigenen Lehre verändert hat: «Wir haben noch den Vergaser gestreift im Sinne von ‘das schauen wir auch noch kurz an’». Heute ist die Palette an Antriebsformen breiter und sind die Anforderungen an die Lernenden grösser denn je.
 
Doch Koller relativiert: «Die Jungen von heute sind sich gewohnt, mit Technologien umzugehen, die für uns früher gar nicht vorstellbar waren.» Es seien aber nicht nur die Jugendlichen, die vor einer grossen Herausforderung stehen, sondern auch die Berufsschulen: «Für uns stellt sich immer stärker die Frage, was bringen wir den heutigen Lernenden noch bei und was lassen wir weg, weil einerseits die Zeit fehlt und es anderseits technologisch am Auslaufen ist».

Engagement – das ist der rote Faden, der sich durch Edwin Kollers Leben zieht: erfolgreicher Unternehmer und verantwortungsvoller Arbeitgeber, Pannendienstleister nachts und an Wochenenden, ESA-Verwaltungsrat, Mitglied des Vorstands des TCS, Experte für die Automobil-Mechatroniker und -diagnostiker. Als Beobachter fragt man sich, wie viel Zeit bei all den verschiedenen Engagements für die Familie bleibt – und auch für sich selber. «Für die Familie bleibt Zeit», sagt er, für sich selber nicht. Aber das ist der Preis, den Koller gerne zu bezahlen bereit ist.

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