20 Stunden pro Fall – das steckt hinter der neuen praktischen Prüfung
Bald gilt es ernst. Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, wissen die Lernenden: Das Qualifikationsverfahren (QV) rückt näher. Die Zeit der Entschuldigungen ist vorbei. In der kaufmännischen Grundbildung EFZ im Automobil-Gewerbe ist diesmal alles noch ein bisschen spezieller, noch ein bisschen herausfordernder. Denn die angehenden Kaufleute EFZ übernehmen eine Vorreiterrolle – sie sind die Ersten, die das gemäss Bildungsverordnung 2023 (BiVo) reformierte System komplett durchlaufen. Und das bedeutet eben auch: Sie absolvieren zwischen dem 4. und 22. Mai das neue, markant umgebaute QV.
Eine der grössten Veränderungen ist zweifellos, dass die schriftliche betriebliche Abschlussprüfung entfällt. Stattdessen absolvieren die Lernenden eine 50-minütige praktische Arbeit, die sich konsequent an den Handlungskompetenzen orientiert. Sie umfasst eine Handlungssimulation, ein Fachgespräch, zwei Mini-Cases und eine Reflexion. Neu ist auch, dass der erste Teil «Open Book» ist, die Lernenden dürfen für die 20-minütige Vorbereitung und die Handlungssimulation sämtliche Unterlagen und Hilfsmittel nutzen (ausser externe Kontakte), selbst Künstliche Intelligenz ist erlaubt. Da kann doch eigentlich nichts schiefgehen. Oder?
Andreas Gabrieli räumt mit diesem verbreiteten Vorurteil auf: «Viele Lernende wiegen sich in falscher Sicherheit, weil sie denken: Ich kann ja alles nachschauen. Ich sage immer: Passt auf, das Kartenhaus fällt schneller zusammen, als ihr glaubt.» Wenn jemand wie Gabrieli das sagt, sollten die Kandidaten und Kandidatinnen genau hinhören, denn sein Wort hat Gewicht. Der 42-Jährige ist üK-Leitender und Lehrgangsleiter für Kaufleute EFZ im Automobil-Gewerbe an der Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur (STFW). Er bereitet jedes Jahr knapp 40 Lernende aufs QV vor und schult als Mastertrainer zudem Prüfungsexpertinnen und -experten (PEX).
Gabrieli beobachtet in seinen Kursen, dass viele Lernende ChatGPT nicht zielführend einsetzen. «Die meisten tippen zuerst einfach die ganze Aufgabe ab und drücken Enter.» Fallen die Antworten dann nicht wie gewünscht aus, geht wertvolle Zeit verloren. Hinzu kommt: «Vor dem 20-minütigen Fachgespräch wird der Laptop zugeklappt. Und auch im weiteren Verlauf der Prüfung haben die Lernenden keine Hilfsmittel mehr.» Entscheidend bleibt also, den Stoff zu beherrschen – nicht nur zu finden.
Das neue QV ist nicht nur für die angehenden Berufsleute ein Stresstest, sondern auch für die anderen Beteiligten. Die AGVS-Kommission kaufmännische Grundbildung war besonders gefordert, weil sie die praktische Prüfung neu denken und zugleich ein Schulungskonzept für die PEX entwickeln musste. Anfang Jahr nahmen die Prüfungsexpertinnen und -experten an einem Webinar teil, um die neuen Unterlagen kennenzulernen. An einem zweiten Kurstag simulierten sie anhand von Nullserien mit ausgewählten Lernenden die praktische Prüfung. Gabrieli verantwortete beides in der Deutschschweiz und coachte rund 30 Prüfungsexpertinnen und -experten. In Yverdon führte Linda Ventrice, Chefexpertin Romandie und üK-Leitende im Centre de formation UPSA-VAUD, die PEX in die neue praktische Prüfung ein.
Nach dem gut zweistündigen Online-Kurs sei eine gewisse Verunsicherung spürbar gewesen, sagt Gabrieli. «Es ist aber auch schwierig, ein so komplexes Thema rein digital zu vermitteln.» Umso wichtiger war der Präsenztag in der Mobilcity in Bern: Fälle wurden durchgespielt, offene Fragen geklärt und letzte Anpassungen vorgenommen. «Für mich war das ein sehr erfolgreicher Tag», so Gabrieli. «Nun freuen sich alle aufs QV.» Für die Prüfungsexpertinnen und -experten ändert sich auch in der unmittelbaren Vorbereitung auf Tag X einiges. Im Gegensatz zu früher erstellen sie keine eigenen Prüfungsfälle mehr. Dafür vertiefen sie sich in die Themen der Fallvorgaben und stellen sicher, dass sie fachlich sattelfest sind – auch für allfällige Nebenfragen.
Andreas Gabrieli, üK-Leitender und Lehrgangsleiter für Kaufleute EFZ
Um die PEX zu entlasten, investierte eine zehnköpfige Autorengruppe viel Zeit in die Ausarbeitung der zehn Fallvorgaben. Sehr viel Zeit. «Pro Fall brauchten wir im Schnitt rund 20 Stunden», führt Gabrieli aus. Die Herausforderung bestand darin, Handlungskompetenz, Aufgabenstellung und Bewertung präzise zu verknüpfen. Zunächst wurde definiert, welche Kompetenz in welchem Teil geprüft werden darf. Darauf aufbauend entstand die Fallvorgabe mit Fragen für die Kandidierenden sowie klaren Kriterien für die Beurteilung durch die Prüfungsexpertinnen und -experten.
Die Fälle sauber auszuformulieren, stellte sich als ziemlich knifflig heraus, denn: Schon eine kleine Unschärfe kann dazu führen, dass unbeabsichtigt eine andere Handlungskompetenz zum Tragen kommt. Der akribische Einsatz hat sich jedenfalls gelohnt. «Das Ziel, den Aufwand für die PEX zu reduzieren, haben wir erreicht», sagt Gabrieli. Und: «Die Fälle sind wirklich supercool und praxisorientiert.»
Vonseiten AGVS steht einem reibungslosen QV 2026 also nichts im Weg. Nun sind Lernende und Ausbildungsbetriebe gleichermassen gefordert. Mitentscheidend ist, dass erstere alle 78 Praxisaufträge vollständig bearbeitet haben. «Eigentlich sollten sie jetzt schon damit fertig sein, weil sie sich ja aufs QV vorbereiten müssen», sagt Gabrieli. Allfällige Lücken gelte es nun rasch zu schliessen.
Wo noch Erfahrung fehlt, kann es sinnvoll sein, Lernende gezielt nochmals in einer Abteilung einzusetzen, um bestimmte Aufgaben oder Abläufe zu vertiefen. So holen sie fehlende Praxis rechtzeitig nach und gewinnen Sicherheit – damit der grosse Tag ein Erfolg wird.