«Das DMS wird zum Betriebssystem der Garage»
Herr Khodabakhshi, wenn Sie mit Garagistinnen und Garagisten sprechen: Was beschäftigt diese aktuell am meisten?
Shahrokh Khodabakhshi, Regional Leader DACH bei Nextlane: Da gibt es vor allem zwei Themen: der Markt an sich und die Beziehung zu uns als Softwarepartner. Nextlane hat sich in den letzten Jahren in einer Transformation befunden – mit der Namensänderung vor rund zwei Jahren und der Übernahme der Stieger Software zuvor. Solche Phasen bringen immer Bewegung mit sich, und das hat sich auch nach aussen gezeigt. Es entstand eine gewisse Unsicherheit im Markt. Das erste Halbjahr 2025 war deshalb stark davon geprägt, mit möglichst vielen Kundinnen und Kunden zu sprechen, um wieder Klarheit und Sicherheit zu schaffen.
Sie sagen, das sei Ihnen gelungen. Woran machen Sie das fest?
Das sehen wir an der Entwicklung der Ticketzahlen und Rückmeldungen sowie in der Zusammenarbeit mit Partnern und dem AGVS. Auch am «Tag der Schweizer Garagen» waren die Gespräche sehr ermutigend, wir stellen eine klar positive Entwicklung fest. Das heisst aber nicht, dass wir uns deshalb auf die faule Haut legen. (lacht)
Nach der Übernahme der Stieger Software im April 2021 hatten einige Kunden in der Schweiz das Gefühl, dass die Betreuung gelitten hat. Wie sind Sie mit dieser Kritik umgegangen – und wie ist der Kundendienst heute aufgestellt?
Wir haben beide Wangen hingehalten und uns der Kritik gestellt, die durchaus berechtigt war. Transformation bringt Veränderung, und die ist am Anfang oft schmerzhaft. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wir haben analysiert, wo der grösste Handlungsbedarf besteht. Ein Schwerpunkt lag im Customer-Service-Bereich: Es gab viele offene Tickets und Rückmeldungen. Anfang 2025 haben wir diese konsequent abgearbeitet. Heute haben wir eine deutlich stabilere Situation, offene Anfragen werden zeitnah bearbeitet. Lösen wir jedes Problem sofort? Nein, nichts ist perfekt. Aber wir haben die Prozesse angepasst und dort nachgebessert, wo es nötig war.
Kommen wir zum zweiten grossen Thema, das Sie eingangs erwähnt haben: dem Markt. Können Sie näher darauf eingehen?
Die Marktseite ist ein Thema, das an jedem Event und in jedem Magazin angesprochen wird: Margendruck, veränderte Mobilitätsanforderungen, veränderte Anforderungen an Garagen – sei es im digitalen Kontext, im Bereich künstlicher Intelligenz oder beim Thema Personalmangel. Das beschäftigt Hersteller, Importeure und Garagen gleichermassen. Das Dealer Management System oder eben DMS, wie wir es heute kennen, wird sich verändern. Die Anforderungen an Schnittstellen und Integrationen wachsen in einer Geschwindigkeit, die wir so bisher noch nicht gesehen haben.
Shahrokh Khodabakhshi, Regional Leader DACH bei Nextlane
Was heisst das für den Aufbau eines DMS in Zukunft?
Lohnabrechnungsprogramme sind ein gutes Beispiel: Spezialisten sind in ihrer Nische oft stärker als ein DMS-Anbieter. Wir müssen nicht alles selbst entwickeln, sondern wollen gezielt Partner integrieren. Das DMS entwickelt sich vom «Ich kann alles»-System hin zu einem Betriebssystem für das gesamte Autohaus – also für Handel und Werkstatt.
Viele Garagen arbeiten noch mit mehreren Systemen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Probleme solcher Insellösungen?
Genau darin, dass es Insellösungen sind. Wenn das DMS nicht mit anderen Systemen verbunden ist, entstehen doppelte oder fehlerhafte Dateneingaben – manchmal werden Informationen auch schlicht vergessen. Das führt zu unnötiger manueller Arbeit. Gerade bei Personalmangel und Effizienzdruck ist das problematisch, weil Mitarbeitende dann Kunden- oder Fahrzeugdaten mehrfach erfassen müssen. Unser Ansatz ist deshalb, das Ökosystem zu öffnen. Daten müssen zugänglich sein. Wir setzen auf ein offenes DMS – nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit – und ermöglichen über Schnittstellen den Zugriff auf die relevanten Daten. So brechen wir Silos auf.
Was bringt die Nextlane-Plattform im Arbeitsalltag einer Garage konkret?
Wir sind in der Schweiz mit sehr vielen Garagen verbunden – und jede hat eigene Anforderungen: ein System anbinden, eine Funktion erweitern, ein zusätzliches Tool integrieren. Multipliziert man das mit unserer Kundenbasis, wird klar: Wir können nicht jede individuelle Lösung selbst entwickeln. Wenn eine Garage beispielsweise einen KI-Chatbot oder Voicebot anbinden möchte und wir das nicht in der gewünschten Geschwindigkeit liefern, bietet unsere Plattform hier Alternativen. Über API-Schnittstellen erhält der Betrieb Zugriff auf seine DMS-Daten und kann – selbst oder mit einem IT-Partner – zusätzliche Lösungen integrieren. So wird er unabhängiger vom einzelnen DMS-Anbieter und kann seine Systemlandschaft flexibel gestalten.
Funktioniert das auch für eine kleine Garage – oder ist das eher etwas für grössere Betriebe?
Je kleiner eine Garage ist, desto wichtiger wird es, datengetrieben zu arbeiten – denn der Wettbewerbsdruck ist dort oft noch grösser. Bei grossen und umsatzstarken Betrieben liegt die Herausforderung eher darin, mit Personal, Prozessen und bestehender Softwarelandschaft die Marge zu optimieren. Bei kleinen Garagen geht es teilweise ums Überleben. Umso wichtiger ist es, sich mit Effizienz und Datenstrategie auseinanderzusetzen. Natürlich kann eine kleine Garage nicht selbst eine API-Plattform entwickeln – und das muss sie auch nicht. Wir stellen ein Standardset an Lösungen bereit, was in der Regel ausreicht, um effizient zu arbeiten.
Gibt es Nextlane nur als Cloud-Lösung oder auch weiterhin als On-Premise-Variante?
Früher war die Drive-Software vor allem eine On-Premise-Lösung. Heute geht die Reise klar in Richtung Cloud – und aus unserer Sicht muss sie das auch. Die bestehenden DMS-Systeme sind über Jahrzehnte gewachsen. Entscheidend ist, diese Technologie schrittweise zu modernisieren und zukunftsfähig zu machen. Die Cloud bietet dafür Sicherheit und Stabilität: Updates und Versionen lassen sich zentral steuern, Ausfallrisiken reduzieren, Daten in Echtzeit austauschen. Viele Schweizer Garagen arbeiten noch mit eigenen Servern. Das bedeutet Aufwand für Hardware, IT-Sicherheit und Backups – gerade angesichts zunehmender Cyberrisiken. Ein Autohaus sollte sich jedoch auf Kunden, Verkauf und Service konzentrieren können, nicht auf IT-Infrastruktur. Unsere Aufgabe ist es, eine sichere Lösung nach europäischen Standards mit Datenhaltung in Europa bereitzustellen.
Shahrokh Khodabakhshi, Regional Leader DACH bei Nextlane
Sehen Sie Bereiche, in denen gerade Schweizer Garagisten nicht digitalisieren wollen oder sich dagegen wehren?
Ja. Meiner Erfahrung nach ist der Schweizer Markt in dieser Hinsicht etwas konservativer, was aber auch verständlich ist. In der Vergangenheit ist einiges passiert, das zu Zurückhaltung geführt hat. Gerade beim Thema Cloud ist der Gedanke noch stark verankert: «Das sind meine Daten, und im eigenen Keller sind sie sicherer als irgendwo in der Cloud.» Hier braucht es aus meiner Sicht mehr Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit – nicht nur von Nextlane, sondern von allen Beteiligten in der Branche. Man muss besser erklären, was Cloud tatsächlich bedeutet und warum sie in vielen Fällen sicherer ist als eine lokale Serverlösung.
Zunehmende Transparenz und strengere Vorgaben können den unternehmerischen Spielraum weiter einschränken. Spüren Sie diese Sorge bei Garagisten?
Absolut. An der AGVS-Fachtagung wurde kontrovers diskutiert, wie weit sich Garagisten gegen Auflagen von Herstellern und Importeuren noch wehren können. Diese Sorge ist spürbar, zumal Anforderungen strikter und Margen geringer werden. Auf der Umsatzseite ist der Spielraum begrenzt, deshalb rücken Service und Effizienz stärker in den Fokus. Um fundierte Entscheidungen treffen zu können, braucht es eine klare Datenstrategie. Garagisten müssen ihre Daten nutzen können – Transparenz im Sinne von Datenzugang, nicht von Kontrolle. Unsere Strategie zielt darauf ab, die Abhängigkeit vom DMS-Anbieter zu reduzieren. Viele Subsysteme waren bisher faktisch vorgegeben. Das öffnen wir. Unsere Plattform erlaubt es dem Händler, Systeme flexibler zu kombinieren – vorausgesetzt, Datenhoheit und Strategie sind geklärt.
Nextlane steht zwischen Herstellern und Garagen. Wie schwierig ist es, beiden gerecht zu werden, wenn die Ansprüche doch unterschiedlich sind?
Das ist eine grosse Herausforderung. Ein erheblicher Teil unserer Ressourcen fliesst in die Entwicklung von Schnittstellen, die oft von Herstellern vorgegeben werden. Vereinfacht gesagt: Fehlt eine Schnittstelle, kann der Garagist nicht mitspielen – und wir stehen genau dazwischen. Die Anforderungen nehmen zu, auch durch neue, insbesondere chinesische Marken mit hohen digitalen Ansprüchen. Um Schritt zu halten, haben wir ein dediziertes Team für Schnittstellen aufgebaut. Gleichzeitig entwickeln wir eine neue Systemarchitektur, mit der Schnittstellen zentral entwickelt und standardisiert werden können. Diese lassen sich anschliessend in verschiedenen Ländern einsetzen und an die jeweiligen lokalen Anforderungen anpassen.
Wem fühlt sich Nextlane im Zweifel stärker verpflichtet?
Unsere primäre Verpflichtung liegt klar beim Handel – insbesondere im Kontext unseres DMS und der operativen Kernsysteme. Diese Lösungen begleiten den Garagisten täglich im operativen Geschäft und sorgen für einen reibungslosen Ablauf im Betrieb. Unsere Mission ist es, Händler zu befähigen, ihr Geschäft bestmöglich zu führen, indem wir die gesamte Customer Journey im Automobilbereich digitalisieren und vereinfachen. Gleichzeitig kann dieser Anspruch nicht isoliert zwischen Nextlane und dem Garagisten erfüllt werden. Hersteller spielen in dieser Dreiecksbeziehung eine ebenso zentrale Rolle – insbesondere durch ihre Vorgaben, Prozesse und Schnittstellen. Ohne eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Herstellern lassen sich viele digitale Abläufe nicht effizient umsetzen. Deshalb verstehen wir unsere Rolle als verbindendes Element: Unsere DNA liegt auf der Händlerseite, unser Erfolg entsteht aber durch eine enge, pragmatische Zusammenarbeit mit den Herstellern – immer im Sinne eines funktionierenden Ökosystems für alle Beteiligten.
Wagen wir einen Ausblick: Wo sehen Sie Nextlane in den nächsten ein bis zwei Jahren?
Wir haben zahlreiche Statistiken gewälzt, und es gibt klare Hinweise darauf, in welche Richtung sich der Markt entwickelt. Der klassische Einzelkunde wird seltener, während Fleet- und Mobility-Anbieter an Bedeutung gewinnen. Die Absatzzahlen gehen nicht zwingend zurück, aber die Kundengruppe verschiebt sich. Das verändert das Geschäftsmodell der Garagen: Wer an Flotten verkauft, denkt in anderen Volumen, Zeiträumen und Servicekonzepten. Gleichzeitig bringt Elektromobilität weniger Wartung und damit geringere klassische Serviceumsätze. Garagisten müssen deshalb zusätzliche Leistungen entwickeln – etwa rund um Ladeinfrastruktur, Energie oder neue Mobilitätsangebote. Für uns bedeutet das: Wir müssen diese Veränderung ermöglichen. Das DMS entwickelt sich vom Verkaufs- und Werkstattsystem hin zu einem Betriebssystem der Garage, das verschiedene Modelle, Apps und Funktionen integriert.