Reformen, Appelle und Abschiede
Natürlich muss der AGVS längst keinen Nachweis mehr erbringen, wie wichtig ihm die Bildung ist. Und doch ist das, was sich jeden Januar in der Mobilcity in Bern abspielt, ein eindrucksvolles Zeugnis dieses Engagements. Dort tagt die Berufsbildungskommission (BBK), an der die Präsidenten oder Vertretende der BBK-relevanten Gremien zurück- und vorausblicken, über personelle Wechsel, aktuelle Themen und Herausforderungen sowie über Erfolge und Sorgen sprechen. Diesmal war es am 21. Januar so weit – mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern der Sektionen im Publikum.
Zu Beginn verwies Charles-Albert Hediger, Präsident der Berufsbildungskommission und AGVS-Zentralvorstandsmitglied, auf den anhaltenden Wandel der Automobilbranche. Rückläufige Neuwagenzahlen in der Schweiz und die Dynamik bei alternativen Antrieben zeigten, in welchem Umfeld sich auch die Berufsbildung weiterentwickeln müsse. In diesem Kontext richtete AGVS-Zentralpräsident Manfred Wellauer ein paar Worte an die Anwesenden. «Bildung kostet, Bildung bringt aber auch Ertrag für die Zukunft», sagte er und schob eine rhetorische Frage nach: «Woher sollen wir in der Situation des Fachkräftemangels die produktiven Mitarbeitenden nehmen, wenn wir sie nicht selber ausbilden? Es wäre also sicher falsch, dort zu sparen.»
Die Kosten-Nutzen-Erhebung der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung untermauert diese Einschätzung. Im Bericht 2025 heisst es, dass «über 70 Prozent der Lehrverhältnisse schon während der Ausbildung einen positiven Nettonutzen für den ausbildenden Betrieb erzeugen». Das bedeutet, dass der Wert ihrer produktiven Arbeit die Summe der Ausbildungskosten übersteigt.
Gemäss Wellauer investiert der AGVS «sicher ein Drittel der Gelder» in die Bildung, fast die Hälfte der Belegschaft arbeite in diesem Bereich. «Wenn man mit Mitgliedern und Garagistinnen und Garagisten spricht, wird der AGVS wohl zu 75 Prozent oder mehr mit Bildung in Verbindung gebracht.»
Dass in der Berufsbildung intensiv gearbeitet wird, zeigte sich auch in den Referaten der Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Bereiche. Arnold Schöpfer (Grundbildung & Höhere Berufsbildung) sprach über die Teilrevision der technischen Grundbildungen, die nun per Februar in Kraft tritt und mit dem Lehrbeginn im kommenden Sommer erstmals angewendet wird. Er zeigte unter anderem auf, welche Anpassungen bei Handlungskompetenzen, Lernplattformen, Qualifikationsverfahren (QV) und fachlichen Anforderungen an die Berufsbildenden vorgenommen wurden.
Ein Punkt, der offenbar noch nicht in allen Kantonen richtig angekommen ist, betrifft die obligatorischen Didaktikmodule. Acht Lektionen sind Pflicht, fünf Module stehen zur Auswahl. Jeder Berufsbildende, der noch keines besucht hat, muss dies bis Ende 2028 nachholen. «Das gilt beispielsweise auch für einen Automobildiagnostiker, der vor 30 Jahren abgeschlossen hat, oder für jemanden mit einer Meisterprüfung», erklärte Schöpfer. «Wir gehen von rund 1500 Berufsbildenden aus, die noch ein Modul absolvieren müssen.» Erste überarbeitete Didaktikmodule stehen bereits zur Verfügung (Informationen und Anmeldung online über die AGVS Business Academy). Neu ist für Berufsbildende, dass sie auch mit einem Pensum von 80 Prozent ausbilden dürfen.
Eine eindrückliche Zahl präsentierte Olivier Maeder, AGVS-Geschäftsleitung Bereich Bildung, und unterstrich damit die grosse Resonanz der TikTok-Kampagnen. Für den letzten Dreh hatte das Autoberufe-Team die Hoffmann Automobile AG in Aesch BL besucht – die sieben auf dem Account von autoberufe.ch ausgespielten Videos allein wurden über drei Millionen Mal angeschaut. In diesem Jahr sind erneut vier Kampagnen angedacht, die nächsten Clips werden wieder Einblicke in Nutzfahrzeugberufe geben.
Die Autoberufe werden 2026 auch wieder bei «Lehrberufe Live!» präsent sein. Maeder sagte dazu: «Wenn Sie Betriebe kennen, die geeignet sind zum Mitmachen, melden Sie uns das.» Überhaupt erwies sich die BBK-Sitzung als Anlass der Appelle. So bat Maeder die Anwesenden auch, in den Sektionen für die Webinarreihe «Fit for Future – der Schlüssel zum Arbeitgebererfolg» zu werben, die neu auch für Nicht-AGVS-Mitglieder zugänglich sein wird (Kostenpunkt 45 Franken), sowie für die Women Days im Oktober.
Hans Pfister, der die Kommission Kaufmännische Grundbildung bis Ende 2025 präsidierte, sprach über die zentrale Rolle der Kaufleute in Autohäusern. Er erläuterte: «Als Unternehmer kann ich Ihnen sagen: Mit Arbeiten verdient man kein Geld – sondern mit Rechnungenschreiben. Genau dafür sind Kaufleute da: Sie stellen fest, was geleistet wurde, verrechnen dies korrekt und stellen sicher, dass das Geld auch reinkommt – und natürlich vieles mehr.»
Sorgen bereite ihm die hohe Fluktuation bei den Berufsbildenden und die geringe Zahl an Betrieben, die Kaufleute EFZ im Automobilgewerbe ausbilden. Pfisters Metapher dazu: «Wenn das Fundament bröckelt, fällt das Gebäude irgendwann zusammen.» Entsprechend sein Aufruf: «Machen Sie weiter Werbung dafür, dass Kaufleute in unserer Branche ausgebildet werden – und zwar von der Pike auf.»
Ähnlich tönte es bei Thomas Aebi. Der Präsident der Kommission Detailhandel zeigte auf, dass die Zahl der Lehrverträge bei den Detailhandelsfachleuten EFZ Automobil Sales zwar langsam steigt, mit 84 Lehrverhältnissen im Vergleich zu 610 im Bereich After-Sales aber weiterhin deutliches Potenzial besteht. Entsprechend richtete er einen Appell an die Anwesenden: «Überlegen Sie sich, ob Sie auch Lernende im Bereich Detailhandel Sales ausbilden können.»
Zum Ende der Sitzung wurde es dann emotional, als sechs Personen aus ihren Funktionen verabschiedet wurden: Andreas Billeter (Kommission Detailhandel), André René Hoffmann (BBK Aargau), Brigitte Hostettler (Geschäftsstelle des AGVS), Kaspar Hürlimann (BBK Zug), Hans Pfister (Kommission Kaufmännische Grundbildung) sowie Ronny Tuffli (BBK Graubünden, abwesend).
Besonders gewürdigt wurde Brigitte Hostettler, die während Jahrzehnten in der AGVS-Geschäftsstelle die Berufsbildung fachlich begleitete und prägte – als zentrale Schnittstelle zwischen BBK, Kommissionen und Sektionen. Dabei hatte sie bei ihrem Eintritt 1989 ganz andere Pläne: «Ursprünglich wollte ich nur ein Jahr bleiben.» Daraus wurden 37 Jahre – doch nach den Sommerferien ist Schluss.