«Scheisse, nun hat es uns erwischt!»
Marco Muster, Ihr Betrieb wurde Mitte Juni am frühen Morgen überfallen. Wie haben Sie davon erfahren?
Marco Muster: Die Polizei hat mich zum Bett rausgeklingelt. An meinem letzten Ferientag. Ausgerechnet in jener Nacht, als mein Sohn endlich für einmal durchgeschlafen hätte (schmunzelt). Ich war natürlich perplex und fragte mich, ob ich etwas verbockt habe oder meiner Familie etwas zugestossen ist. Danach teilten die Beamten mir mit, was passiert ist.
Was dachten Sie in dem Moment?
Ich wusste ja, dass in vielen Betrieben eingebrochen wurde. Ich dachte: Scheisse, nun hat es uns erwischt. Nicht schon wieder!
Sie wurden zuvor bereits zweimal ausgeraubt. Einmal am alten Firmenstandort in Mühleberg BE.
Damals, als ich mich selbstständig gemacht hatte, wohnte ich quasi in der Garage. Ich hatte dort mein Bett mitsamt Dusche und Küche. Ich wollte halt Kosten sparen. Als die Einbrecher kamen, schlief ich zunächst tief und fest.
Daraufhin bemerkten Sie die Eindringlinge. Wie war das für Sie?
Gar nicht cool. Meine Kollegen lachten mich später sogar aus, da ich eine Pistole unter dem Bett parat hatte. Über diese Waffe war ich richtig froh. Ich hörte Geräusche, der Wecker zeigte 2.30 Uhr an. Ich wusste, dass das kein Arbeitskollege ist. Ein paar Sekunden später ging bereits die Türe auf.
Und dann?
Ich brauchte die Pistole nicht, die Ganoven rannten von sich aus davon.
Was hatten die Diebe vorher entwendet?
Weil ich einen sehr tiefen Schlaf habe, räumten sie das Büro aus. Sie hatten die Kasse geleert, klauten Laptops und andere Wertgegenstände.
Und das zweite Mal?
Nach dem ersten Vorfall installierten wir ein Alarmsystem. Die Einbrecher schlugen «nur» die Scheibe ein, danach ertönte der Alarm und sie ergriffen die Flucht. Der Boden ging durch die Wucht des grossen Steines allerdings kaputt.
Zurück zum aktuellen Überfall.
Als ich mit der Polizei das Areal betrat, stand das Haupttor sperrangelweit offen. Das Fluchtfahrzeug mit spanischen Kennzeichen stand mitten auf der Strasse, mit laufendem Motor, damit die Täter im Zweifelsfall schnell die Flucht hätten ergreifen können. Ich durfte den Betrieb wegen der Spurensicherung anfangs nicht betreten. Da ich zuvor zwei Wochen lang weg war, musste ich mir erst einen Überblick verschaffen, was fehlte. Ich rief unseren Verkäufer an, und er fragte mich, ob der AMG-Mercedes GLE noch da sei. Ich entgegnete: Welcher Mercedes? Auch ein Audi RS6 war weg. Als ich dann rein durfte, stellte ich fest, dass mein Töff, eine KTM-Enduro-Maschine, fehlte. Jetzt wurde mir das Ausmass des Einbruchs wirklich bewusst. Anschliessend sichteten wir das Videomaterial.
Was sahen Sie da?
Ich sah, wie sie probiert hatten, mein Motorrad in den Kofferraum des RS6 einzuladen.
Ohne Erfolg?
Beim Mercedes war der Kofferraum zu klein, beim RS6 klappte es schliesslich, obschon die Hälfte des Töffs hinten rausragte. Dadurch verloren sie ihn später auf der Strasse. Am Dienstag meldete sich jemand bei uns, der vom Geschehen erfahren hatte und meinte, den Töff gesehen zu haben. Es war meiner, und er hatte Totalschaden. Bei den drei Tätern handelte es sich um komplette Amateure. Sie waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. Zwei von ihnen haben sie erwischt.
Sie öffneten Ihr Geschäft am Montag danach gleich wieder?
Wir hatten keine andere Wahl, der Terminkalender war dicht gefüllt. Die Beeinträchtigung hielt sich in Grenzen. Einzig der PC des Werkstattleiters war demoliert, ansonsten konnte das Tagesgeschäft weitergeführt werden.
Wenn so etwas dreimal passiert, ist das extrem unschön.
Absolut, auch für die Versicherer. Ich tauschte mich in jener Zeit häufig mit anderen Garagen zum Thema aus, manche hatten aus Angst gar Sirenen installiert. Doch selbst das hielt die Banditen nicht von ihren Vorhaben ab.
Sie machten sich nach dem Einbruch also keine Vorwürfe?
Bis zu einem gewissen Punkt können wir entgegenwirken. Sechs Kameras überwachen unser Gelände. Wenn die Hemmschwelle allerdings derart tief ist und sie sich nicht einmal mehr von einem Alarm abhalten lassen, frage ich mich schon, was man noch tun kann. Panzerglas wäre eine Möglichkeit (lächelt ironisch). Wir benutzten hier in Kerzers zunächst das Alarmsystem des alten Standorts, irgendwann wurde es den Nachbarn aber zu viel mit den Fehlalarmen. Vor kurzem schaute spontan ein Freund vorbei, der selbst im Bereich Sicherheit arbeitet und mir einige Tipps gab.
Die da sind?
Er schlug mir ein wirklich gutes Alarmsystem vor. Doch selbst er meint: Das gesamte Areal mit einem vernünftigen finanziellen Aufwand zu sichern, ist kaum realisierbar.
Nehmen Sie seit den Vorkommnissen im Juni die Autoschlüssel mit nach Hause?
Bei einem kleinen Betrieb wäre das denkbar. Wenn bei uns aber jemand die Schlüssel mit nach Hause nimmt und die Person ist am nächsten Tag krank, wäre das Chaos vorprogrammiert. In der Ostschweiz stellte die Polizei den Garagen Plakate zur Verfügung, auf denen auf Französisch steht, dass sich die Schlüssel nicht im Gebäude befinden. Ein solches Transparent haben wir nun ebenfalls angebracht. Vielleicht sollten wir uns auch einfach am ehemaligen Besitzer dieses Baus orientieren.
Wie meinen Sie das?
Er hielt hier Pumas.
Lebende, echte Pumas?
Ja (lacht). Sie liefen in der Nacht frei herum, auf rund tausend Quadratmetern. Sie wirkten sicherlich abschreckend.
Definitiv. Ist bei Ihnen der erste Ärger eigentlich verflogen?
Die Sache beschäftigt mich nach wie vor sehr intensiv. Der finanzielle Schaden ist da, den mussten und müssen wir überbrücken. Hinzu kommt der administrative Aufwand für die Versicherungen: vier komplette Arbeitstage. Ich erledigte fast alles in der Freizeit.
Was überwiegt mehr als zwei Monate später: Ärger, Frust, Enttäuschung?
Ein Mix aus allem. Vor 30 Jahren liessen wir die Türen die ganze Nacht offen; man konnte sogar sein Portemonnaie auf die Motorhaube legen, niemand hätte es genommen. Das hat sich geändert, es wird alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ich frage mich: Wo führt das noch hin?
Ihre Antwort?
Es führt zu denselben Zuständen wie in jenen Ländern, aus denen diese Leute stammen.
Sind Sie vorsichtiger geworden? Graut Ihnen vor den längeren, dunklen Winternächten?
Wir sind massiv vorsichtiger geworden. Bei der Schliessung des Tresors und der Türen haben wir das Vier-Augen-Prinzip eingeführt. Wäre der Tresor beim Überfall offen gewesen, hätte uns die Versicherung die Entschädigung um 30 Prozent gekürzt. Die leere Kasse zeigen wir demonstrativ offen.
Wurden Sie durch die Polizei gut betreut?
Grundsätzlich ja. Was bei uns Fragen aufwarf, war, wieso es rund anderthalb Stunden dauerte von der Alarmierung eines Nachbarn, bis die Beamten tatsächlich vor Ort waren. Die Berner Polizei hätte wohl schneller reagiert. Aber wir befinden uns hier halt eben schon knapp auf Freiburger Boden.
Was hat der Überfall bei Ihnen sonst ausgelöst?
Wir überlegen uns, ob wir zusätzlich zu den Kameras ein Alarmsystem anschaffen wollen, das eine enorm hohe Abschreckungswirkung hat. Zudem stellen wir nun teurere Fahrzeuge jeweils in die Werkstatt und parkieren diese zu, damit der Aufwand für Diebe so hoch wie möglich wird.
Wie Sie sich als Garagenbetreibende vor Einbrechern schützen, erfahren Sie hier.