Drei Talente, ein Ticket für Düsseldorf
Die Konzentration steigt, die letzten Vorbereitungen laufen. Punkt 10 Uhr dann ertönt die laute Hupe des Lastwagens – das Startsignal ist gegeben. Für Ivo Krähenbühl, León Taramarcaz und Carlo Portenier wird es nun ernst. Sie schrauben, prüfen und diagnostizieren. Ihr Ziel: versteckte Fehler aufspüren, Ursachen erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen. Pro Posten bleiben ihnen dafür gerade einmal 45 Minuten.
In Winterthur ZH treffen an diesem Samstag drei der besten Nachwuchstalente der SwissSkills 2025 erneut aufeinander. Sie alle wollen sich das Ticket für die EuroSkills 2027 in Düsseldorf (D) sichern. Ivo Krähenbühl hatte bereits an den Schweizer Berufsmeisterschaften den zweiten Platz belegt, León Taramarcaz wurde Dritter. Weil der Erstplatzierte Evan Pauchard aufgrund seiner weiteren beruflichen Pläne auf eine Teilnahme an den EuroSkills verzichtet, rückte Carlo Portenier nach. Auf die erneute Herausforderung hat sich der Berner mit verschiedenen Trainingseinheiten vorbereitet, unter anderem beim Nutzfahrzeug-Spezialisten Toni Maurer GmbH & Co. KG. «Für mich ist das eine coole Möglichkeit, zusätzliche Erfahrungen zu sammeln und noch besser zu werden», sagt Portenier.
Nicht nur technisches Wissen ist an diesem Tag gefragt, sondern auch die Fähigkeit, unter Zeitdruck systematisch vorzugehen und Fehler zuverlässig zu diagnostizieren. «Die richtige Balance zwischen lösbaren Aufgaben und dem Schwierigkeitsgrad eines internationalen Wettkampfs zu finden, ist immer eine Herausforderung», erklärt Markus Schwab, der seitens des AGVS für den technischen Support verantwortlich ist.
Die Qualifikation soll möglichst realitätsnah zeigen, wer den Anforderungen auf internationaler Bühne am besten gewachsen ist. Gleichzeitig gilt es, faire Bedingungen für alle drei Kandidaten zu schaffen. Dafür haben Schwab und das Expertenteam mit Chief Expert Damian Schmid sowie Frédéric Ravera und Sophie Schumacher anspruchsvolle Aufgaben vorbereitet.
Insgesamt warten drei Posten auf die Kandidaten. Gefragt sind ihre Kenntnisse in der Druckluftanlage, der Motormechanik und im Motormanagement. Carlo Portenier beginnt seine Qualifikation an einem Mercedes-Benz-Nutzfahrzeug bei Damian Schmid. Hier dreht sich alles um das Motormanagement. Die Kommunikation erfolgt auf Englisch – eine zusätzliche Herausforderung, die auf den internationalen Wettkampf vorbereiten soll. «Wichtig ist, dass sie mithilfe ihres Berufswissens, der gelernten Diagnoseabläufe, und der Pläne, aber auch durch eigenes Kombinieren herausfinden, wo die Fehler liegen», erklärt Schmid. Er weiss, worauf es ankommt: 2021 gewann er selbst Gold an den EuroSkills.
Gleich nebenan arbeitet Ivo Krähenbühl konzentriert am Zylinderkopf eines Volvo-Motors. Am Posten von AGVS-Experte Frédéric Ravera muss er seine Kenntnisse in der Motormechanik unter Beweis stellen. Die Aufgabe besteht darin, die Motorbremse im Bereich des Zylinderkopfs zu prüfen. Beim Zweitplatzierten der SwissSkills werden Erinnerungen wach. «Nach der SwissSkills-Qualifikation kennt man diese Situation schon ein bisschen, und trotzdem ist jeder Wettkampf etwas Neues. Deshalb bleibt nur eins, und zwar, einfach sein Bestes geben», sagt er.
Auch León Taramarcaz widmet sich den Aufgaben mit voller Aufmerksamkeit. Der Walliser hat von allen Kandidaten die längste Anreise hinter sich: Er ist eigens aus Chamoille nach Winterthur gekommen. Seiner Motivation tut das keinen Abbruch. «Ich bin konzentriert und motiviert», sagt er lachend.
An den Posten lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Routiniert geht er die Fehlersuche an. So auch am Posten von Sophie Schumacher, die 2024 an den WorldSkills in Lyon (F) Gold als Nutzfahrzeug-Mechatronikerin gewann. Hier steht ein Lastwagen still, an dem ein Kunde herumgewerkelt hat. Nun gilt es herauszufinden, weshalb das Fahrzeug nicht mehr funktioniert. Im Mittelpunkt stehen die Bremsen und die Druckluftanlage.
Für die Weltmeisterin ist die Rolle als Expertin kein Neuland. «Als Kandidat ist es fast einfacher», sagt sie lachend. Den Teilnehmenden über die Schulter zu schauen, ohne eingreifen zu dürfen, sei manchmal frustrierend. «Man weiss, wo die Fehler liegen, und sieht, dass ein Kandidat allenfalls auf dem falschen Weg ist. Helfen darf man aber nicht.» Ihr wichtigster Tipp für die Fehlersuche: «Bei den Basics bleiben, dann findet man die Fehler am schnellsten.»
Wie gut die Kandidaten diese Grundlagen beherrschen, zeigt sich bei der Auswertung. Insgesamt meistern sie die Aufgaben gut. Besonders erfolgreich sind sie bei der Station zur Druckluftanlage, wo sie die meisten Fehler aufspüren.
Nach drei Stunden ist es geschafft. Die Werkzeuge werden abgelegt, die Diagnosen sind gestellt und die Expertinnen und Experten werten die Leistungen aus. Dann steht die Entscheidung fest: Ivo Krähenbühl aus Triengen LU setzt sich gegen seine beiden Mitstreiter durch. Er darf die Schweiz an den EuroSkills 2027 in Düsseldorf vertreten. Begleitet wird er dabei von Damian Schmid. Schmid ist EuroSkills-Experte und entsprechend verantwortlich für die Ausbildung der Teilnehmenden: ohne Experte kein:e Kandidat:in im jeweiligen Skill.
Für den Luzerner Ivo Krähenbühl ist die erfolgreiche Qualifikation der Auftakt zu einem ereignisreichen Jahr 2027. Denn neben den EuroSkills steht ein weiteres Abenteuer an: Mit einem umgebauten Land Rover Defender will er auf Reisen gehen. Doch zuerst wartet die internationale Bühne auf ihn. «Ich freue mich vor allem auf die Abwechslung zur Arbeit», sagt Krähenbühl mit Blick auf die bevorstehende Vorbereitung. «Das zusätzliche Training bringt neue Impulse, mit denen ich mein Wissen weiter vertiefen kann.» Zuletzt lag sein Fokus aber auf einer anderen Herausforderung: Erst kürzlich hat er die Abschlussprüfung zum Mercedes-Diagnosetechniker bestanden. «Umso schöner, dass es nun zusätzlich auch noch für Düsseldorf gereicht hat.»