«Es braucht Menschen wie euch»
«Die Automobilbranche hat eine Zukunft. Der Fachkräftemangel bereitet auch uns Sorgen. Aber der heutige Abend zeigt, dass wir hier kräftig dagegensteuern.» Mit diesen Worten begrüsste Christoph Künzi, Verantwortlicher für die höhere Berufsbildung beim AGVS, über 220 Gäste zur Fachausweis- und Diplomübergabe im Classic Center Schweiz der Emil Frey im aargauischen Safenwil. Unter ihnen befanden sich 67 Absolventinnen und Absolventen, die ihre Abschlüsse als Fahrzeugrestaurator:in, Automobil-Verkaufsberater:in, Automobil-Serviceberater:in und Betriebswirt:in im Automobilgewerbe entgegennehmen durften.
Künzi führte gemeinsam mit Moderatorin Nina Havel durch die Abschlussfeier. «Ich habe mein halbes Leben auf der Strasse verbracht. Also natürlich immer in einem Fahrzeug», sagte Havel mit einem verschmitzten Lächeln. Mit solchen Sprüchen sorgte sie immer wieder für Lacher und lockerte die Atmosphäre auf. Für die Absolventinnen und Absolventen stand an diesem Abend ausnahmsweise nicht der Berufsalltag, sondern der eigene Erfolg im Mittelpunkt.
Auch AGVS-Geschäftsführer Christian Wyssmann liess es sich nicht nehmen, einige Worte an die frischgebackenen Fachausweis- und Diplomträger:innen zu richten: «Unsere Branche steht im Wandel. Die Antriebstechnologien verändern sich, die Digitalisierung schreitet voran und die Bedürfnisse der Kunden entwickeln sich weiter. Deshalb braucht es Menschen wie euch. Menschen, die ihr Handwerk verstehen und mit Leidenschaft dabei sind.» Die Weiterbildung sei keine Endstation, sondern der Start für neue Möglichkeiten. Wyssmann ermutigte die Absolventinnen und Absolventen, ihren Hunger nach neuen Ideen zu bewahren und diese in den Berufsalltag einzubringen. Doch nach so viel Durchhaltewillen, Hartnäckigkeit und Fachkompetenz stehe an diesem Abend vor allem eines im Vordergrund: der Genuss.
Vor dem kulinarischen Genuss gewährten die Präsidenten der vier Höheren Berufsbildungen in einer Podiumsdiskussion Einblicke in die Herausforderungen der Betriebe. Moderatorin Havel wollte wissen, ob Weiterbildungen angesichts der Künstlichen Intelligenz, die immer mehr Aufgaben übernehme, künftig überhaupt noch ihre Berechtigung haben. Martin Bächtold, Präsident der Qualitätssicherungskommission Betriebswirt im Automobilgewerbe, antwortete mit einer Anekdote: «Wechsel und Wandel gab es schon immer in unserer Branche. Vor 40 Jahren hat die Volksbank eine Studie gemacht, die besagte, es gäbe in unserem Land 1000 Garagen zu viel. Die Garagen sind noch hier, die Volksbank dagegen nicht.» Natürlich veränderten sich die Technologien und damit auch die Ansprüche der Kundschaft. Gerade deshalb sei es wichtig, über genügend Fachkompetenz zu verfügen, um beispielsweise die Ergebnisse der KI kritisch überprüfen zu können.
Patrick Ganière, Präsident der Qualitätssicherungskommission Automobil-Verkaufsberater, pflichtete Bächtold bei. «Die Verkäufer wurden schon 100-mal totgeschrieben.» Ob Telefon, Werbung, Internet oder nun KI-Agenten: Immer wieder sei vorausgesagt worden, dass neue Technologien den Verkauf überflüssig machen. Doch die persönliche Beziehung zur Kundschaft bleibe entscheidend. «Der menschliche Kontakt ist unersetzlich, um Vertrauen zu schaffen.» Gleichzeitig stellen neue Marktteilnehmer die Garagen vor zusätzliche Herausforderungen. Besonders die chinesischen Automarken bringen laut Ganière viel Dynamik in den Schweizer Markt. Viele versuchen, mit hohen Margen neue Vertriebspartner zu gewinnen. Doch das Geschäft berge auch Risiken: «Wir wissen heute noch nicht, wie sich die Restwerte dieser Autos entwickeln werden.» Deshalb brauche es langfristiges strategisches Denken.
Auch im Kundendienst sind langfristige Beziehungen entscheidend. «Irgendwann kommt der Moment, in dem das Fahrzeug das Ende seiner Lebensdauer erreicht», erklärte Daniel Rindlisbacher, Präsident der Prüfungskommission Automobil-Serviceberater. Dann gelte es, die Kundschaft beim Wechsel auf ein neues Fahrzeug zu begleiten. Der Umstieg auf ein neues Fahrzeug erfolgt in der Schweiz nach rund elf Jahren. Digitale Hilfsmittel könnten dabei wertvolle Zeit sparen. Doch den gesunden Menschenverstand und das Gespür für die Bedürfnisse der Kundschaft würden sie nicht ersetzen.
Während im Verkauf und im Kundendienst die Zukunft der Mobilität im Vordergrund steht, geht es bei den Fahrzeugrestaurator:innen um den Erhalt der Vergangenheit. Allerdings verändern sich auch hier die Anforderungen. Die Weiterbildung wurde deshalb mit der Totalrevision neu in zwei Epochen unterteilt: klassische Oldtimer mit älterer Automobiltechnik von 1945 bis 1975 und «Youngtimer» mit jüngerer Technik von 1976 bis 1996. «So können wir uns noch vertiefteres Wissen in diesen beiden Epochen aneignen», erklärte Marcel Wyler, Präsident der Prüfungskommission Fahrzeugrestaurator. Denn mit den jüngeren Fahrzeugjahrgängen kommen zusätzliche Komfort- und Sicherheitssysteme sowie weitere komplexere Technologien hinzu, die andere Fachkenntnisse verlangen.
Doch wie können Garagen die dringend benötigten Fachkräfte gewinnen und langfristig halten? Olivier Maeder von der AGVS-Geschäftsleitung zeigte auf, wie der Verband die Betriebe dabei unterstützt. Neu hat der AGVS unter anderem das Webinar «Fit for Future» entwickelt, das in drei Landessprachen angeboten wird. «Wir wollen praxisgerechte Hilfe zur Mitarbeitergewinnung und -entwicklung bieten», erklärte Maeder. Hinzu kommt ein neuer Arbeitgeber-Check. Anhand eines Fragebogens können Garagen in weniger als 15 Minuten herausfinden, wo ihre Stärken liegen und in welchen Bereichen Verbesserungspotenzial besteht. Sie erhalten anschliessend eine Auswertung mit konkreten Massnahmen, um sich als Arbeitgeber noch attraktiver aufzustellen.
Dass neben der Gewinnung neuer Fachkräfte auch deren Weiterbildung entscheidend ist, unterstrich Martin Bächtold zum Abschluss der Podiumsdiskussion. Dabei rührte er gleich die Werbetrommel für die sogenannte Königsklasse der Höheren Berufsbildung im Autogewerbe: die Betriebswirtinnen und Betriebswirte. «Ein Betriebswirt muss heute ein halber Jurist sein.» Technisches Fachwissen allein reiche längst nicht mehr. Wer einen Garagenbetrieb erfolgreich führen wolle, brauche auch betriebswirtschaftliche, kaufmännische und rechtliche Kenntnisse. An die frischgebackenen Fachausweisinhaberinnen und -inhaber gerichtet, ergänzte Bächtold: «Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie den nächsten Schritt mit uns machen.»
Dann gehörte die Bühne den Absolventinnen und Absolventen: 67 Fachkräfte durften ihre wohlverdienten Fachausweise und Diplome entgegennehmen. Besonders erfreulich: Die neuen Titelzusätze «Professional Bachelor» und «Professional Master» stärken die internationale Vergleichbarkeit der Höheren Berufsbildung. «Professional Bachelor» ist für eidgenössische Berufsprüfungen und Abschlüsse höherer Fachschulen vorgesehen, «Professional Master» für eidgenössische höhere Fachprüfungen. Übrigens: Die neuen Titelzusätze dürfen auch rückwirkend verwendet werden.
Bei der Übergabe zeigte sich, wie vielfältig die vier Berufsfelder sind. So erklärte Fahrzeugrestaurator Remo Gsponer, der mit der Note 4,9 abschloss, worauf es bei der Suche nach seltenen Ersatzteilen ankommt: «Man muss gute Connections in die ganze Welt haben und kreativ werden.» Eine Herausforderung ganz anderer Art erwartete Automobil-Serviceberater Michael Schibli. Moderatorin Havel wollte von ihm wissen, ob ihr Opel Insignia mit 333’000 Kilometern noch zu retten sei. «Ich muss ehrlich mit den Kunden sein, da wird es schwierig», antwortete er schlagfertig.
Auch bei den Betriebswirten gab es reichlich Grund zur Freude. Gleich drei Absolventen erreichten die Bestnote 4,8. Unter ihnen befand sich ein bekanntes Gesicht: Florent Lacilla. Der Westschweizer hatte 2022 an den WorldSkills in Dresden die Goldmedaille als Automobil-Mechatroniker gewonnen. Nun durfte er einen weiteren Meilenstein seiner beruflichen Laufbahn feiern. Dass die Höhere Berufsbildung neue Perspektiven eröffnet, zeigt sich besonders an seinem Beispiel. Nach dem Weltmeistertitel und dem erfolgreichen Abschluss als Betriebswirt steht für ihn bereits die nächste Herausforderung an. «Zusammen mit meinem Bruder werde ich den Familienbetrieb übernehmen», verriet der Weltmeister. Die Zukunft des Autogewerbes liegt damit auch in seinen Händen.
Bevor der offizielle Teil mit einem Galadinner ausklang, wurden drei verdiente Experten verabschiedet: Franz Hatebur, Franz Uetz und Beat Schmid. Letzterer hatte die Einführung der Weiterbildung zum Fahrzeugrestaurator massgeblich mitgeprägt. «Wir waren damit europäisch an der Spitze. Mittlerweile sind uns einige Länder gefolgt. Ich freue mich, einen gesunden und frisch reformierten Beruf zu übergeben», sagte Schmid.
Berufsprüfung Fahrzeugrestaurator:in – Fachrichtung Automobiltechnik (FZR)
Bucheli Silvio, Grafenort OW
Dello Buono Dennis, Schlieren ZH
Gsponer Remo, Bützberg BE
Oberholzer Mike, Muri AG
Zogg Metin Gabriell, Lengnau AG
Berufsprüfung Automobil-Verkaufsberater:in (AVB)
Chaar Joëlle, Gümligen BE
Corso Pietro Massimiliano, Kreuzlingen TG
Da Costa Queaires Alfonso, Glattbrugg ZH
Dillier Timon, Sarnen OW
Gilgen Nicola, Schwarzenburg BE
Pakmak Osman, Niederurnen GL
Hadzic Nedim, Rümlang ZH
Hägi Pascal, Feuerthalen ZH
Meyer Janik, Richenthal LU
Schmid Luca, Scherzingen TG
Künzi Katja Anna, Maschwanden ZH
Kuzmanovic Dejan, Gerzensee BE
Lichtle Jan, Riffenmatt BE
Haxhiu Arben, Oftringen AG
Meyer Len, Unterkulm AG
Oliveira Amaro Telmo Diogo, Döttingen AG
Girotto Nico, Studen BE
Rodriguez Vicente Oliver, Möhlin AG
Koch Michelle, Honau LU
Hagemann Moritz, Basel BS
Berufsprüfung Automobil-Serviceberater:in (ASB)
Borloz Kathlyn, Ollon VD
Erard Vincent, Belfaux FR
Abdul Sabina, Altendorf SZ
Affentranger Dominic, Sumiswald BE
Bellasi Nico, Niederönz BE
Bircher Markus, Achseten BE
Fuhrer Timo Elio, Herzogenbuchsee BE
Gertsch Yannick, Ins BE
Glauser Tobias, Illnau ZH
Hodel Marco, Oberönz BE
Indermaur Kevin, Wittenbach SG
Knuchel Shaya, Niederbipp BE
Malki Fredy, Münchwilen TG
Meier Jeremy, Bremgarten AG
Meier Nicola, Bettwiesen TG
Mittner Tiziano, Winterthur ZH
Pungitore Francesco, Küssnacht am Rigi SZ
Rebiewski Luca, Kreuzlingen TG
Reveruzzi Giuseppe, Brüttisellen ZH
Rohr Marco, Thun BE
Russo Roberto Antonio, Nürensdorf ZH
Schibli Michael, Dottikon AG
Tinner Mike, Schliern b. Köniz BE
Witschi Joel Peter, Kaltbrunn SG
Kromer Michael, Birsfelden BL
Höhere Fachprüfung Betriebswirt:in im Automobilgewerbe (HFP)
Alter Orianne, Fionnay VS
Haliti Alban, Romanel-sur-Lausanne VD
Heger Constantin, Châtel-St-Denis FR
Lacilla Florent, Vuisternens-en-Ogoz FR
Vonder Mühll Antoine, Martigny VS
Juchli Joel, Zufikon AG
Mark Reto, Morissen GR
Kohler Jonathan, Ranflüh BE
Bischof Emanuel, Laufenburg AG
Greuter Marco, Romanshorn TG
Ritter Michel Reto, Sumiswald BE
Wild Dennis, Ehrendingen AG
Hoti Burim, Mumpf AG
Bergamin Peter, Dicken SG
Zambotti Flavio, Meilen ZH
Sulzer Carlo, Buchs ZH
Kerqeli Taolant, Wallisellen ZH