Nach 37 Jahren AGVS sagt Brigitte Hostettler Tschüss

Gegenwind, ein gefährliches Gewächshaus und ein Geheimnis

Seit 1989 stand Brigitte Hostettler in Diensten des AGVS. Nun ist sie pensioniert – und blickt zurück. Meist lächelnd, zuweilen auch nachdenklich. Ihre Anekdoten? Die haben es in sich.
Publiziert: 04. September 2026

Von

Yves Schott


										«Mit den Jüngeren wurde es spürbar besser»: 37 Jahre lang hat Brigitte Hostettler für den AGVS gearbeitet. Foto: AGVS-Medien
«Mit den Jüngeren wurde es spürbar besser»: 37 Jahre lang hat Brigitte Hostettler für den AGVS gearbeitet. Foto: AGVS-Medien

«Nein», sagt sie ohne zu zögern. Es mache ihr weiss Gott nicht den Anschein, als hätte sie 37 Jahre lang für den AGVS gearbeitet. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Brigitte Hostettler ursprünglich nur ein Jahr beim Auto Gewerbe Verband bleiben wollte.

Rückblende. Es ist der 5. April 1989. Die Berliner Mauer teilt Europa in West und Ost, im Kanton Appenzell Innerrhoden dürfen Frauen noch immer nicht wählen, David Hasselhoff stürmt mit «Looking for Freedom» die Schweizer Charts und Nintendo bringt in Japan den allerersten Game Boy auf den Markt. 37 Jahre sind also, man möge die Wortwahl entschuldigen, verdammt lang her.

An jenem Tag schnuppert Brigitte Hostettler, damals Ende 20, erstmals AGVS-Büroluft. Den Vertrag erhält sie von Rudolf Baldinger, dem Vater von Monique Baldinger, die heute nach wie vor für den AGVS tätig ist. Angestellt wird sie, die zuvor bei der Sprachheilschule Münchenbuchsee als Erzieherin gehörloser Kinder im Einsatz war, als «Teilzeit-Daktylo»: Morgens tippt sie an einem riesigen IBM-Schreibautomaten gesprochene Diktate ab und erstellt Unterlagen für die Aus- und Weiterbildung, nachmittags absolviert sie eine Handelsschulausbildung.

Eingestellt wird sie zunächst als «Teilzeit-Daktylo»

Ein Jahr später zieht es Brigitte weiter. Eigentlich. Doch es ist unklar, ob sie die Weiterbildung fortsetzen soll. Dass es dem AGVS genau in jenem Moment an qualifiziertem Personal fehlt, kommt ihr deshalb durchaus gelegen. Sie wird von Rudolf Baldinger gefragt, ob sie es sich vorstellen könne, ins Berufsbildungssekretariat einzusteigen. Als «Teilzeit-Daktylo» kennt sich die Bernerin schliesslich mit Schreibarbeiten und Arbeiten im Bereich Bildung aus.

Und so ist Brigitte ab dem 2. Juni 1990 «Vollzeitsekretärin des Berufsbildungssekretariats 1 & 2», eingestellt neu zu 100 Prozent. Sie managt das Bereichssekretariat, begleitet die technischen Grundbildungen und organisiert die Meisterprüfungen. «Das Volumen war ungefähr jenes, das heute dem der Automobil-Diagnostikerinnen und -Diagnostiker entspricht.» Zeitgleich holt Brigitte die KV-Lehre nach und schliesst einen Management-Lehrgang ab.

Als sich im Oberaargau die Balken biegen

Die Jahre an der Mittelstrasse im Berner Länggass-Quartier, wo der AGVS bis 2013 seinen Hauptsitz hatte, ziehen ins Land. Ende der 90er-Jahre wird in Wiedlisbach BE ein Prüfungscenter in Betrieb genommen, Anfang März 2006 zieht das gesamte Bildungsteam in den Oberaargau. Es ist tiefer Winter.

Brigittes neuer Arbeitsplatz: ein umgebautes ehemaliges Gewächshaus. «Am Morgen in jenem März hatte es so viel Schnee, dass wir es kaum ins Büro schafften. Durch die Last des Schnees hängen die Stahlseile, die das Gewächshaus zusammenhalten, durch. Das war sicherheitstechnisch schon ziemlich bedenklich», erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Es ist nicht die einzige lustige Anekdote, die Brigitte in Erinnerung geblieben ist. Die Frischluftzufuhr im Gewächshaus erfolgt durch eine darunterliegende Einstellhalle. Dort wiederum werden zeitweise Oldtimer gewartet. «Wenn sie gut gegast hatten, hingen wir weiter oben durch das Kohlenmonoxid jeweils in den Seilen. Einmal wölbten sich durch einen Heizungsdefekt die Bodenplättli im Büro und in den Schulungsräumen weit nach oben. Einzelne sprangen gar mit einem lauten Knall in die Luft.»

«Alles unter strengster Geheimhaltung»

«Ich könnte noch viele weitere solcher Geschichten erzählen», verrät sie. Einige möchte sie für sich behalten – eine Begebenheit will sie aber schon noch preisgeben. «Einem unserer ehemaligen Vorgesetzten musste ich die Bewerbung für seinen nächsten Job schreiben.» Brigitte fügt mit einem Schmunzeln an: «Alles natürlich unter strengster Geheimhaltung.»

Zuweilen ist Brigitte damals aber weniger zum Lachen zumute – etwa, wenn es um ihre Stellung innerhalb der eigenen Reihen geht. Skepsis ist ein ständiger Begleiter, denn zu Beginn ist sie weit und breit die einzige Frau, die in der Umsetzung anpackt und nicht bloss in der Administration die Fäden zieht. «Deswegen eignete ich mir schnell das nötige Wissen in der Umsetzung der Aus- und Weiterbildung an. Nur so konnte ich die Männer überzeugen. Ich merkte rasch: Wenn du nicht weisst, wie ein Fahrzeug funktioniert, bist du weg.» Das Know-how hilft, wie auch der Generationenwechsel. «Mit den Jüngeren wurde es spürbar besser.»

Dann muss Brigitte plötzlich leer schlucken

Und dennoch gibt es Dinge, die sie mit dem Umzug in die Mobilcity vermisst. Den engen Austausch mit den Experten beispielsweise. «Da waren wir weiter weg vom Geschehen.» Trotzdem sei der Umzug an die Wölflistrasse eine «super Idee» gewesen, weil damit sämtliche wichtigen Autoverbände unter einem Dach vereint wurden. Ein weiterer positiver Punkt war für sie als Branchenverantwortliche für den Detailhandel und die Kaufmännische Grundbildung der direkte Kontakt mit dem üK-Center der Sektion Bern.

Darum ist es Brigitte wichtig, sich bei den Menschen zu bedanken, mit denen sie so viele Jahre zusammengearbeitet hat. «Mein Merci gilt den üK-Leitenden, Prüfungsexperten, Autorenteams, dem AGVS-Team und allen anderen, die mich begleitet und unterstützt haben.»

Bei ihrem Abgang verspürte sie daher Wermut. «Ich bin ein emotionaler Mensch», sagt Brigitte – und schluckt kurz leer. Nach einer Pause fährt sie fort: «Ich werde die Menschen vermissen, all die Kontakte. Durch euch, gerade auch durch die Jungen, habe ich stets erfahren, was aktuell so läuft. Das habe ich immer intensiv aufgesogen.»

«Da stellte es mir einen Moment lang ab»

Andererseits machte sich bei Brigitte Erleichterung breit. «Die Last der Verantwortung ist weg. In den vergangenen Jahren lief ich manchmal am Limit.» Sie habe kaum mehr Luft gehabt, sich vertieft in Dinge einzulesen. Dabei sei sie doch jemand, der etwas sehen und spüren müsse, um es zu verstehen.

Insbesondere mit dem Internet bekundete Brigitte zu Beginn Mühe. «Da stellte es mir einen Moment lang ab. Ich hatte mich anfangs dagegen gewehrt, realisierte allerdings, dass ich mich dem stellen muss und will.» Ein Online-Genie sei sie nach wie vor nicht, gibt Brigitte ehrlich zu. «Aber ich kann damit umgehen.»

Wie sie ein Auto heute betrachtet

Konkrete Pläne für die Zeit nach der Pensionierung hat Brigitte Hostettler kaum geschmiedet. «Viele meinten, ich solle jetzt dieses und jenes Projekt verfolgen. Das hat mich irgendwie gestresst. Deshalb habe ich entschieden, erst einmal gar nichts loszuhaben und dann nach Lust und Laune neue Herausforderungen zu entdecken.» Sie wolle wieder mehr Sport treiben, kulturelle Anlässe besuchen und soziale Kontakte auffrischen. «Da lag in der Vergangenheit einiges brach.»

Geplant war ein Jahr AGVS, geworden sind es 37. Mit einem leichten Lächeln schüttelt Brigitte Hostettler den Kopf: «Ich hätte doch nie gedacht, dass ich mich mal für einen Motor interessieren würde. Und heute stehe ich ab und zu neben einem Auto und betrachte es aus einem technischen Blickwinkel und erfreue mich an einer schönen Karosserieform.» Aus dem Teilzeit-Daktylo von 1989 wurde schnell ein echter Vollprofi.