Schweizer Wasserstoffkreislauf

Kein H₂-Ende in Sicht

Agrola hat angekündigt, ihre drei Wasserstofftankstellen auf Ende Jahr aufzuheben. Allen Unkenrufen zum Trotz bedeutet dies aber nicht das Ende des Schweizer Wasserstoffkreislaufs. Denn der Markt bewegt sich gleich an verschiedenen Stellen wieder. Ein aktueller Überblick.
Publiziert: 21. Oktober 2026

Von

Martin Schatzmann


										Seit 2020 arbeiten im Schweizer Wasserstoffkreislauf LKW-Industrie, Transporteure, Tankstellen und Energieversorger. Foto: AGVS-Medien/Martin Schatzmann
Seit 2020 arbeiten im Schweizer Wasserstoffkreislauf LKW-Industrie, Transporteure, Tankstellen und Energieversorger. Foto: AGVS-Medien/Martin Schatzmann

Für die Nutzfahrzeugbranche ist Wasserstoff (H₂) neben batterieelektrischem Antrieb und erneuerbaren Treibstoffen das tragende Element für die Dekarbonisierung des Strassengüterverkehrs. Dabei wird H₂ meist direkt im Fahrzeug von Brennstoffzellen in Strom umgewandelt. Wie der E-LKW ist der H₂-LKW im Betrieb CO₂-frei, er ist aber vor allem auch dieselähnlich rasch betankt. In Serie baut heute nur Hyundai Truck & Bus Brennstoffzellen-LKW, alle anderen Hersteller können nicht vor 2030 liefern. Wasserstoff-PW gibt es hingegen von Hyundai (Nexo), Toyota (Mirai) und künftig auch BMW (X5 Hydrogen).

Es ist dem Einsatz von H2 Energy in Zürich zu verdanken, dass auf der IAA Nutzfahrzeuge 2018 der Grundstein für den Schweizer Wasserstoffkreislauf gelegt wurde. Dieser Kreislauf begann sich 2020 mit den ersten LKW zu drehen und sucht wegen seiner sektorübergreifenden Zusammenarbeit noch heute weltweit seinesgleichen. Die beteiligten Sektoren sind Hersteller wie Hyundai mit Hyundai Hydrogen Mobility (HHM), Tankstellenbetreiber, Transporteure und Grossverteiler, die im Förderverein H2 Mobilität Schweiz vereint sind, und es ist die Elektrizitätsbranche mit dem H₂-Produzenten Hydrospider. Produziert wird der grüne Wasserstoff in zwei Wasserkraftwerken (Niedergösgen SO und Kubel bei St. Gallen). Zwischen Boden- und Genfersee können 19 H₂-Tankstellen angefahren werden. Die LKW werden nutzungsabhängig abgerechnet (Pay-per-use): Sie gehören Hyundai, Transporteure bezahlen einen Kilometerpreis inklusive Treibstoff und Service.

Der Kreislauf stockte

Bereits kurz nach dem Start begannen sich Covid-19-Nachwehen und der Krieg in der Ukraine negativ auf den H₂-Kreislauf auszuwirken. Die Marktentwicklung blieb wegen der hohen Energie- und Strompreise hinter den Erwartungen zurück, und Transporteure wollten mit HHM nach gutem Start preisbedingt keine neuen Pay-per-use-Verträge mehr. So verkehren heute nicht die ursprünglich angepeilten 1000 Hyundai Xcient Fuel Cell in der Schweiz, sondern 50 im jedoch problemlosen Einsatz. Allerdings setzen Tankstellen entsprechend weniger H₂ um, was die Amortisation der teuren Tankstellentechnik verzögert. Die geringe Nachfrage hat Agrola nun bewogen, die Schliessung ihrer drei H₂-Tankstellen auf Ende Jahr anzukündigen. Die anderen Tankstellenbetreiber halten an ihren Standorten fest. Coop hat gar aufgestockt und im März am Verkehrsknotenpunkt Egerkingen SO eine neue H₂-Tankstelle eröffnet.

Der H₂-Kreislauf bleibt auch anderweitig in Bewegung, denn nun stösst ein neuer Sektor dazu. In Buchs SG suchte der Verein für Abfallentsorgung (VfA) eine neue Verwendung für überschüssigen Strom aus der Kehrichtverbrennungsanlage. Deshalb wird diese Anfang 2027 mit einer H₂-Produktion samt Tankstelle ausgestattet; den lokal produzierten Wasserstoff will man für Abfallsammelfahrzeuge wie auch den vorhandenen H₂-Kreislauf nutzen.

Grüner Wasserstoff wird an zwei Standorten produziert und per Container zu den Tankstellen gebracht. Foto: AGVS-Medien/Martin Schatzmann

Hoffnung in die Zukunft

Als die Energiepreise ab 2022 die weitere Entwicklung des Kreislaufs zu verzögern begannen, löste HHM-CEO Beat Hirschi den Fokus von der Schweiz und nahm die Expansion nach Europa in Angriff. Heute ist HHM mit Lastwagen in Frankreich und in den Niederlanden, aber vor allem in Deutschland präsent, dort auch mit einem Firmenableger. Dort stehen gut 130 Brennstoffzellen-LKW im Einsatz, bis Ende Jahr werden es 170 Fahrzeuge sein – macht europaweit weit über 200 Hyundai-H₂-LKW. Übrigens bewegt sich für Hyundai auch der Schweizer Markt wieder, einzelne Kunden tauschen ihre H₂-LKW gegen deren neue Generation. Zudem beliefert HHM nach langer Zeit wieder einen Schweizer Neukunden mit zwei H₂-Lastwagen. Wenngleich Hyundai der einzige Serienfahrzeuganbieter ist, beleben Prototypen anderer Hersteller zuletzt den Schweizer Markt etwas. Seit einem Jahr stehen vier Vorserien-Sattelzugmaschinen von Iveco (S-eWay Fuel Cell) in der Kundenerprobung, und nun kommen fünf weitere Brennstoffzellen-LKW von Scania als Kundenerprobungsprototypen.

Die Südkoreaner von Hyundai halten gemäss Beat Hirschi auch künftig am Brennstoffzellen-LKW fest. Hirschi rechnet spätestens ab 2029 mit der Einführung der vom Markt schon lange nachgefragten H₂-Sattelzugmaschinen. Zugleich geht HHM davon aus, dass sich die allgemeine Lage am Energiemarkt bis dahin etwas normalisieren dürfte. Einen ähnlichen Zeithorizont sieht Martin Osterwalder, Präsident des Fördervereins H2 Mobilität Schweiz. Er geht davon aus, dass Wasserstoff in zwei, drei Jahren seine Bedeutung wieder ausweiten dürfte. Bis dahin setzt sich der Förderverein dafür ein, dass die politischen Rahmenbedingungen dem Dekarbonisierungspotenzial von Wasserstoff gerechter werden.