KI im Alltag der Berufslehre

So bleibt echte Kompetenz sichtbar

Künstliche Intelligenz (KI) geht bei Berufsbildenden und üK-Leitenden oft mit Unsicherheiten einher. Sehen die einen Chancen, fürchten andere eine Dystopie. Besonders im Lernumfeld krempelt KI den Prüfungsalltag um. Die AGVS-Medien fragen Tobias Habegger, Leiter KI-Fachstelle ICT-Berufsbildung Schweiz, was es jetzt zu tun gilt.
Publiziert: 18. September 2026

Von

Cynthia Mira


										Heute Alltag: Künstliche Intelligenz als Begleiterin in der Ausbildung. Foto: KI-generiert
Heute Alltag: Künstliche Intelligenz als Begleiterin in der Ausbildung. Foto: KI-generiert

Herr Habegger, würden Sie sagen, dass Künstliche Intelligenz (KI) eine Weiterbildung für Berufsbildende und üK-Leitende notwendig macht, um jungen Lernenden eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen?
Tobias Habegger, Leiter der KI-Fachstelle bei ICT-Berufsbildung Schweiz:
Auf unserer KI-Fachstelle erhalten wir fast täglich Anfragen von Lehrpersonen, Berufsbildenden und Organisationen aus fast jeder Branche. Sie wollen verstehen, wie KI funktioniert, wo sie nützt, wo sie täuscht und wie Lernende sie verantwortungsvoll einsetzen können. Weiterbildung wird deshalb notwendig, weil Berufsbildende künftig nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern Lern- und Prüfungssettings so gestalten müssen, dass echte Kompetenz sichtbar bleibt. Ausbildende müssen erkennen, welches Fach- und Erfahrungswissen Lernende weiterhin selbst aufbauen müssen, damit sie KI-Ergebnisse beurteilen und verantworten können. Denn wer ein Fachgebiet nicht ausreichend beherrscht, erkennt oft nicht, wo ein professionell wirkender KI-Output falsch oder unpassend ist.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie KI Prüfungen beeinflusst und wie reagiert wird?
Wer heutzutage in Prüfungen nur noch reines Wissen abfragt, macht einen grundlegenden Fehler. Reine Wissens- und Textaufgaben reichen als alleiniger Leistungsnachweis immer seltener aus, weil KI dafür sehr leistungsfähig ist. Wenn Kandidatinnen und Kandidaten im Berufsalltag Zugang zu KI, Internet und digitalen Werkzeugen haben, müssen Prüfungen stärker messen, ob jemand in einer realistischen Situation kompetent handelt. Ein Beispiel: Bei den Prüfungen von ICT-Berufsbildung Schweiz ist KI zugelassen. Die Prüfungen bilden den Berufsalltag mit realitätsnahen Mini-Cases oder Critical Incidents, Zeitdruck und wechselnden Bedingungen ab. Die Teilnehmenden erarbeiten eine Lösung und verteidigen sie mündlich. Expertinnen und Experten können gezielt nachfragen, Annahmen verändern und prüfen, ob jemand das Thema verstanden hat und die Verantwortung für den Lösungsweg übernehmen kann. Ein hilfreiches Prinzip ist PPP: Prozess, Produkt und Präsentation. Bewertet wird also nicht nur das Endergebnis, sondern auch der dokumentierte Arbeitsweg und die Fähigkeit, die Lösung zu erklären und zu verteidigen. Je nach Lernziel kann eine Prüfung bewusst ohne KI in einer kontrollierten Situation stattfinden oder KI ausdrücklich integrieren. Entscheidend ist, dass die menschliche Leistung beobachtbar und beurteilbar bleibt. Nicht KI-Detektion, sondern gutes Prüfungsdesign macht Kompetenz wieder sichtbar.

Kompetenz ist ein gutes Stichwort. Wie stellen Betriebe sicher, dass KI nicht das Lernen beeinträchtigt? Wo lernen Verantwortliche, was anders gemacht werden muss?
Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Menschen das Lernen und das Denken immer stärker an die KI auslagern. KI kann einen guten Text, eine Diagnose oder einen Lösungsvorschlag liefern, ohne dass die lernende Person den fachlichen Weg dorthin verstanden hat. Zudem übernimmt KI zunehmend gerade jene einfachen und wiederkehrenden Tätigkeiten, über die Berufseinsteigende bisher Erfahrung aufgebaut haben. Wenn solche Übungsfelder verschwinden, müssen Betriebe und Bildungsinstitutionen bewusst neue Lerngelegenheiten schaffen. Statt KI pauschal zu verbieten, braucht es Lernsettings, in denen der kompetente Umgang mit KI Teil der Leistung ist. Gleichzeitig muss es weiterhin Phasen geben, in denen Lernende selbst ausführen, üben, erklären und auf Rückfragen reagieren. Nicht das Werkzeug entscheidet über die Qualität des Lernens, sondern wie viel eigenes Denken die Aufgabe verlangt.

Wer trägt für die KI-Einführung im Bildungswesen eigentlich die Verantwortung?
Verantwortlich sind alle drei Lernorte gemeinsam: Betrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse. KI-Kompetenz entsteht nicht an einem einzigen Ort. Sie entsteht dort, wo Lernende konkrete Aufgaben bearbeiten, Fragen stellen, Fehler machen, Rückmeldungen erhalten und Nutzen sowie Grenzen von KI verstehen. Dabei hat jeder Lernort eine eigene Stärke: Der Betrieb schafft reale Aufgaben und Konsequenzen, die Berufsfachschule legt fachliche und theoretische Grundlagen, und die überbetrieblichen Kurse ermöglichen angeleitete, berufsspezifische Anwendung. Entscheidend ist, dass diese Lernorte ihre Erwartungen an KI-Nutzung und Kompetenznachweise aufeinander abstimmen. Leider sind die drei Lernorte noch oft auf sich allein gestellt. Sie müssen sich Wissen im Internet oder an Veranstaltungen zusammensuchen und auf ihre Situation übertragen. Aus diesem Grund wurde die KI-Fachstelle ins Leben gerufen. Unsere Mission ist, Orientierung zu geben und die Erfahrung aus der eigenen KI-Anwendung in Prüfungen und beim Lerntransfer für die Berufsbildung zugänglich zu machen.

Inwiefern beeinflusst KI den gesamten Digitalisierungsprozess in der Berufsbildung?
KI ist nicht einfach ein weiteres digitales Werkzeug, das zusätzlich dazukommt. Sie verändert den Digitalisierungsprozess selbst. Bisher ging es oft darum, analoge Prozesse digital abzubilden: Formulare, Plattformen, Lernmanagementsysteme oder Prüfungsadministration. Mit KI stellt sich eine tiefere Frage: Wie arbeiten, lernen, prüfen und entscheiden wir künftig? Das kann die Digitalisierung erleichtern, weil KI Menschen unmittelbar zeigt, was digitale Werkzeuge leisten können. Viele erleben durch KI einen direkten Nutzen, etwa beim Strukturieren von Texten, Entwickeln von Ideen, Auswerten von Informationen oder Anpassen von Lernmaterial. Gleichzeitig erschwert KI die Digitalisierung, weil neue Fragen zu Datenschutz, Qualität, Fairness, Verantwortung und Prüfungssicherheit entstehen. Deshalb sollte KI nicht als separates Dauerthema neben die bestehende Ausbildung gestellt werden. Sie muss dort integriert werden, wo Fachwissen aufgebaut und angewendet wird. Deshalb liegt der Fokus der KI-Fachstelle auf der Frage, wie Kompetenzen, Lernprozesse und Prüfungen im KI-Zeitalter gestaltet werden müssen.

Die KI-Fachstelle bei ICT-Berufsbildung Schweiz

Die KI-Fachstelle bei ICT-Berufsbildung Schweiz in Bern wurde Mitte 2025 lanciert. Um die Kompetenzen im neuen Umfeld zu stärken, hat die Institution das nationale KI-Grundzertifikat entwickelt. Darüber hinaus unterstützt die Fachstelle Organisationen mit Workshops, Fachreferaten und individuellen Kursen dabei, drängende KI-Fragen auf die Ausbildungspraxis zu übertragen. Sie übersetzen Grundsätze in konkrete Lernaufträge und Prüfungsformate für den jeweiligen Beruf.