Soll ich ein zweites Standbein aufbauen?
Ein Hauch von Aufbruchstimmung und Unternehmertum weht durch den Seminarsaal im Hotel Meilenstein in Langenthal BE. «Natürlich dürfen Sie sich als unabhängigen Spezialisten bezeichnen», stellt Patrick Krauskopf soeben in seinem Referat an Garagistinnen und Garagisten klar. «Was sie nicht dürfen, ist die Kunden täuschen». Der Professor, ehemalige Vizedirektor und Chief International Affairs der Wettbewerbskommission (Weko) geht in seinem Impulsreferat auf einige grundlegende wettbewerbsrechtliche Aspekte ein.
Viele unternehmerische Freiheiten, die für das Schweizer Garagengewerbe selbstverständlich sind, sind noch gar nicht so alt: Recht auf Originalersatzteile? Zugang zum technischen Wissen der Autohersteller? «Vor 2003, als die Kfz-Bekanntmachung in Kraft trat, gab es keine vertieften Rechte für Garagenbetreiber», so Krauskopf. Für ihn ist klar: Wer neue Geschäftsfelder erschliessen will, muss seine Rechte und Pflichten kennen.
Damit ist der Teppich ausgelegt für das Thema «Ein zweites Standbein aufbauen». Rund 50 Garagistinnen und Garagisten sind gekommen, um sich über diese Möglichkeit ein eigenes Bild zu machen. Für Mitveranstalter Marcel Stocker, Geschäftsleiter der Hostettler Autotechnik AG, ist der Auto-Ersatzteil- und Servicemarkt ein wichtiger Teil des Wertschöpfungsprozesses. «Es ist ein Paralleluniversum, das sehr gut funktioniert. Wir sollten aber nie vergessen, dass es im Markt alle Player braucht: Ohne produzierte Autos geht es nicht.»
An der anschliessenden Podiumsdiskussion nehmen nebst Stocker drei Garagisten teil, die alle bereits erfolgreich neue Geschäftsfelder aufgebaut haben. Zum Beispiel Daniel Marti von der Garage Daniel Marti AG in Luzern, der sich Hostettlers Autofit-Netzwerk angeschlossen hat. «Ein gewisser Respekt vor diesem Schritt war sicher vorhanden. Doch ein guter Automech hat Spass an Herausforderungen und ist wissenshungrig. Es gab keine Probleme.»
Für Lukas Rüfenacht, Mitinhaber, CMO und CSO der BRW Garage in Langnau AG, hat das Eröffnen neuer Geschäftsfelder Vorteile gebracht. «Die Auslastung der Werkstatt ist ganz klar gestiegen. Auch wenn wir nicht die Strahlkraft haben wie eine tolle Automarke: Die Treue der Kunden liegt bei uns bei der Garage, nicht bei der einzelnen Marke.»
Auch Dominik Steffen, Co-Geschäftsführer und Inhaber, setzt auf mehrere Standbeine gleichzeitig. Mit der Steffen Bus AG betreibt er ein Busnetz, mit der Steffen Garage AG setzt er seit Kurzem auf BYD. Zudem nutzt auch Steffen das Autofit-Netzwerk für Werkstatt, Ersatzteile, Diagnose. Die Frage, ob man als Garagist auf ein zweites Standbein setzen soll, ist für ihn klar zu beantworten: «Das grösste Risiko ist, nichts zu tun.»