AGVS-Nutzfahrzeugkommission

Starke Stimme für schwere Aufgaben

Elektrifizierung, Fachkräftemangel, neue Hersteller, laufend neue regulatorische Anforderungen: Für Nutzfahrzeug-Garagen ist der Wandel längst Realität. Die AGVS-Nutzfahrzeugkommission bringt die verschiedenen Akteure zusammen, bündelt Wissen und vertritt die Interessen der Betriebe.
Publiziert: 06. Oktober 2026

Von

Christian Wyssmann


										Austausch der AGVS-Nutzfahrzeugkommission inmitten der Classic Cars. Fotos: AGVS-Medien
Austausch der AGVS-Nutzfahrzeugkommission inmitten der Classic Cars. Fotos: AGVS-Medien

Stehen Lastwagen und Transporter still, steht schnell auch ein Teil der Schweiz still. Nutzfahrzeuggaragen sorgen dafür, dass Fahrzeuge gewartet, repariert und möglichst rasch wieder auf die Strasse gebracht werden. Parallel verändert sich ihr Arbeitsalltag rasant: Neue Antriebstechnologien, zusätzliche Anforderungen an die Werkstätten, Fachkräftemangel und neue Marktteilnehmer stellen Betriebe vor Herausforderungen.

Genau hier setzt die AGVS-Nutzfahrzeugkommission an. Das spezialisierte Fachgremium ist politisches und technisches Sprachrohr für die Betriebe, die Nutzfahrzeuge (NFZ) betreuen. Bei ihrer letzten Zusammenkunft war die Kommission zu Gast bei der Kestenholz-Gruppe im baselländischen Pratteln. Auf der Traktandenliste standen Themen, die die NFZ-Garagen heute und in Zukunft direkt betreffen.

Fachkräfte bleiben Schlüsselthema

Eine Herausforderung verbindet die NFZ- und Personenwagenbranche besonders stark: der Fachkräftemangel. Qualifizierte Mitarbeitende zu finden und junge Berufsleute zu gewinnen, bleibt eine zentrale Aufgabe. Olivier Maeder, AGVS-Geschäftsleitungsmitglied Bereich Bildung, präsentierte die neue Kampagne «Ohne dich steht alles still» (s. Seiten 60/61) und machte auf den neuen Arbeitgebercheck aufmerksam. Gerade im NFZ-Bereich gewinnt die Ausbildung zusätzlich an Bedeutung: Mit der technischen Komplexität der Fahrzeuge steigen auch die Anforderungen an die Fachkräfte.

Strom kommt – und bringt Gewicht

Auch die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten beschäftigt die NFZ-Kommission. Der Umstieg auf elektrische Antriebe kommt bei schweren Nutzfahrzeugen teils erstaunlich gut voran. Verschiedene Transportunternehmen haben bereits in Fahrzeuge investiert. Was für die Transporteure ein technologischer Schritt nach vorne ist, stellt Werkstätten vor neue Aufgaben. Hochvolttechnik, neue Komponenten und Wartungsanforderungen verlangen Investitionen in Einrichtung und Spezialwerkzeuge sowie die Weiterbildung.

Gleichzeitig ist die Entwicklung bei den Antrieben längst nicht abgeschlossen. Die Reichweiten elektrischer Lastwagen steigen weiter. Erste Fahrzeuge mit bis zu 700 Kilometern wurden bereits vorgestellt. Allerdings hat dies auch eine Kehrseite: Aufgrund des hohen Batteriegewichtes fällt die Nutzlast entsprechend geringer aus. Und: Auch Wasserstoff bleibt auf dem Radar. Verschiedene Hersteller entwickeln Wasserstoff-Verbrennungsmotoren wie -Brennstoffzellen weiter. Während diese Technologie in der Schweiz mangels Infrastruktur vorerst eine untergeordnete Rolle spielen dürfte, könnte sie im internationalen Umfeld durchaus an Bedeutung gewinnen.

Neue Konkurrenz aus China

Was bei Personenwagen bereits Realität ist, erreicht zunehmend auch den Nutzfahrzeugmarkt: Chinesische Hersteller drängen nach Europa und in die Schweiz. Wie dynamisch diese Entwicklung ist, zeigte sich jüngst an der IAA Transportation. Verschiedene Unternehmen und Marken präsentierten interessante Konzepte und bereits verfügbare Serienfahrzeuge. Ein Beispiel ist das erst 2022 gegründete Unternehmen SuperPanther, das mit dem eTopas 600 eine 4x2-Sattelzugmaschine mit 621-kWh-LFP-Batterie vorstellte.

Interessant ist dabei nicht nur das Fahrzeug, sondern auch das Produktionskonzept: Endmontage, Inbetriebnahme und Qualitätskontrolle erfolgen im österreichischen Werk von Steyr Automotive. Für NFZ-Betriebe bedeutet diese Entwicklung, dass sie den Markt und die technologischen Veränderungen genau beobachten müssen: Welche Hersteller etablieren sich? Welche Fahrzeuge kommen auf den Schweizer Markt? Und welche Auswirkungen haben neue Technologien auf Service, Reparatur und Ersatzteile?

Wissen teilen, Interessen bündeln

Genau bei solchen Fragen spielt der Austausch innerhalb der Nutzfahrzeugkommission eine wichtige Rolle. Die Mitglieder bringen ihre Erfahrungen aus der Praxis ein und erhalten Einblick in technische, politische und regulatorische Entwicklungen. So entsteht eine wichtige Grundlage, um die AGVS-Mitglieder gezielt zu unterstützen. Wie wertvoll dieser Austausch über die Branchengrenzen hinweg ist, bestätigt auch Fabian Schmid, bei der Astag verantwortlich für Recht & Technik: «Die Astag kümmert sich um den Transport auf der Strasse, um den Verkauf und den Unterhalt der Fahrzeuge sorgen sich die AGVS-Mitglieder. Der Wissensaustausch ist für uns sehr wertvoll.»

Ein Ergebnis der gemeinsamen Positionsfindung sind die Erleichterungen bei der Zulassung von leichteren E-Nutzfahrzeugen, die per Anfang Oktober 2026 eingeführt wurde (siehe Seite 41). Schmid informierte die Kommission zudem über weitere gesetzliche Regelungen und politische Geschäfte – unter anderem über die definitive Befreiung der E-LKW von der LSVA bis Ende 2030 sowie die per 1. Juli 2026 eingeführte Erweiterung der Fahrtenschreiberpflicht für 2,5-Tonnen-Fahrzeuge im grenzüberschreitenden und auf die Transporttätigkeit ausgerichteten Güterverkehr.

Auch die Perspektive der Fahrzeugaufbauer gehört dazu. Frédéric Henguely von Carrosserie Suisse beleuchtete die aktuellen gesetzlichen Entwicklungen aus Sicht der Fahrzeugaufbauer. Der Fahrplan für die Einführung der LSVA schafft auch hier Planungssicherheit, insbesondere bei Kühlfahrzeugen. Die Erleichterungen bei den E-Lieferwagen bis 4,25 Tonnen begrüsst Henguely ebenfalls. Sie eröffnen neue Möglichkeiten für kundenspezifische Aufbauten, etwa Kipper oder Personentransporter.

Nahe an der Praxis

Der Besuch bei der Kestenholz-Gruppe passte gut zum Anspruch der Kommission: Entwicklungen nicht nur aus der Distanz zu betrachten, sondern nahe an der Praxis zu diskutieren. Die inhabergeführte Schweizer Unternehmensgruppe mit Sitz in Pratteln vertreibt seit 1952 Mercedes-Benz. Mit rund 1400 Mitarbeitenden betreibt die Kestenholz-Gruppe Standorte in der Region Basel und Deutschland. Neben dem Personenwagengeschäft ist das Unternehmen auch im Nutzfahrzeugbereich mit hochspezialisierten Zentren tätig. Im August 2026 eröffnete die Gruppe zudem das «Home of Stars» für Mercedes-Benz AMG- und Maybach-Fahrzeuge sowie Classic-Modelle.

Für die Nutzfahrzeug-Garagen bleibt eines klar: Der Wandel kommt nicht irgendwann – er findet bereits statt. Umso wichtiger sind Wissen, Austausch und eine starke gemeinsame Stimme.