Erst im Stechen kam der Sieg
In der Werkstatthalle herrscht – Stille: Wer an der Qualifikation zur Berufs-EM EuroSkills wildes Werkzeugklappern, Rufe des Jubels und Flüche der Verzweiflung erwartet, sieht sich am vergangenen Samstag getäuscht: Als in der Berner Mobilcity drei Automobil-Mechatroniker EFZ ums Ticket wetteifern, herrscht Stille und Konzentration. «Wichtig ist, dass du dich nicht von Dingen ablenken lässt, die du nicht ändern kannst», sagt «Chief Expert» Fabio Bossart flüsternd. «Das lenkt nur ab. Also konzentrieren statt zum Beispiel darüber zu ärgern, dass es warm ist.» Denn ins Schwitzen kommen die drei Talente eh.
Die Uhr tickt unerbittlich, nur 45 Minuten Zeit ist an jedem der drei Posten für Dinge, die selbst geübte Routiniers in der Werkstatt doppelt so lange kosten. Die Anspannung steht allen ins Gesicht geschrieben. Schmale Lippen, hektischer Blick – welches Werkzeug ist das richtige und welches Vorgehen das beste? Alle drei Automobil-Mechatroniker EFZ haben bereits Wettbewerbserfahrung. Lars Hayoz aus Plaffeien FR (Garage Bifang Trachsel, Plaffeien), Lukas Porter aus Uebeschi BE (Garage Pieren, Thierachern) und Lorenz Walker aus Elgg ZH (Garage Togra, Turbenthal) haben an den letzten SwissSkills die Plätze 2, 4 und 5 belegt. Auch die Experten Nevio Bernet, Fabio Bossart, Andreas Bühler und Riet Bulfoni waren alle schon an WorldSkills oder EuroSkills. Der Luzerner Bossart wird den heutigen Gewinner später beim Training und an die EM begleiten.
Die drei Posten, ausgetüftelt von Markus Schwab (Skills-Manager, Automobiltechnik & Prüfungen AGVS), heissen Motormechanik (V8 mit verstellten Steuerzeiten), Motormanagement (ein nicht startender Ford) und Karosserieelektrik (streikender Scheibenwischermotor an einem Renault). Wobei die Probleme – typisch Wettbewerb, aber auch ganz typisch Werkstattalltag – komplexer sind, als es zuerst scheint. Zu viel verraten dürfen wir hier nicht, doch am Renault zum Beispiel streikt zwar der Scheibenwischer, die Ursache liegt aber ganz woanders, weit hinten im Auto. Als Extra-Challenge wird an diesem Posten nur Englisch gesprochen – denn an den EuroSkills ist das ebenso.
Wie bei Meisterschaften gilt: Alle drei Posten komplett zu meistern geht eigentlich nicht, denn nur so können am Ende die Besten ausgesiebt werden. «Es kann gut passieren», so Markus Schwab, «dass ein Kandidat keine Aufgabe völlig löst, aber die meisten Punkte holt, weil er den richtigen Lösungsweg nimmt.» Wie empfinden die Experten das Zuschauen? «Es macht Freude, wenn du siehst, dass richtig vorgegangen wird», sagt Fabio Bossart – und fügt lachend an: «Umso schwerer fällt es, dass du nichts sagen darfst, wenn einer es falsch macht.»
Dann schlägt Martina Frieden (Berufsbildung & Arbeitssicherheit AGVS) die Glocke. Die Zeit ist vorbei, die Prüflinge atmen durch – geschafft! Vermeintlich geschafft: Es stellt sich heraus, dass – eine Rarität – Gleichstand zwischen den dreien herrscht! Also auf zum Stichentscheid. Erneut geht es an den nicht startenden Ford, denn einige Fehler in der Kette hatte kein Kandidat gefunden. Pro Proband gibt es 15 Minuten Nachspielzeit.
Was uns beim Zuschauen auffällt: Ein bisschen werden regionale Vorurteile wahr: Lukas Porter lässt keinerlei Hektik aufkommen – ein Berner Oberländer. Lorenz Walker flitzt eilig umher – ein Zürcher halt. Die goldene Mitte trifft der Freiburger Lars Hayoz. Und die goldene Mitte trifft er auch beim Ergebnis: Nur er findet alle Fehler und siegt damit klar.
Lars Hayoz selbst ist zuerst eher verblüfft. «Ich wusste nicht, ob es gereicht hat, das ist bei mir immer so.» Sein Geheimnis? «Im Idealfall läuft alles autonom, wie von selbst. Du musst einfach fokussiert bleiben.» Gönnt er sich jetzt zur Feier ein Bier? «Ich würde, aber ich bin mit dem Auto hier», sagt der 20-Jährige Freiburger lachend. Er repräsentiert im September 2027 im Bereich Personenwagen das Schweizer Autogewerbe dann an den EuroSkills in Düsseldorf (D), wie nach der Nutzfahrzeug-Qualifikation am Weekend zuvor (siehe Button unten) der Luzerner Ivo Krähenbbühl bei den Nutzfahrzeugen. Viel Training steht ihm bevor. Wieso macht er es trotzdem? «Es bringt dich einfach persönlich und im Beruf weiter!» Dann gratulieren die drei Mechatroniker einander herzlich: Sie sind hier Wettbewerber, aber keine Gegner, sondern einfach wie drei Kumpels mit demselben Job.
Genau wie Lars Hayoz strahlt Olivier Maeder, Geschäftsleitung Bildung AGVS. «Dass wir den Stichentscheid brauchten, zeigt, auf welch hohem Niveau sich alle bewegen. Dies und dass Experte Fabio Bosshart Erfahrung in internationalen Berufsmeisterschaften haben, gibt uns Hoffnung, dass die EuroSkills-Teilnahme von Lars Hayoz ein Erfolg wird.» Dann gratuliert er Lars Hayoz mit einem festen Händedruck. Und als wäre Hayoz’ Sieg nicht Beweis genug, wie ernst und engagiert er es in seinem Beruf meint, weist sogar sein Tattoo auf einen Siegertypen hin: Am Unterarm trägt Lars Hayoz ein Schaltschema.
Hier geht es zum Bericht über die EuroSkills-Qualifikation Nutzfahrzeuge