Ein neues ZV-Mitglied und das Best-of 2025 als Video
Im Forum Fribourg trifft sich das Schweizer Autogewerbe zur 49. Delegiertenversammlung des AGVS. Hier also, wo Zweisprachigkeit aktiv gelebt wird. Und wo, nur einige hundert Meter entfernt, der HC Fribourg-Gottéron Ende April seinen ersten Meistertitel der Geschichte feiern durfte. Es herrscht also Aufbruchstimmung in der Region. Nicht nur wegen des Eishockeyvereins. Aber dazu später mehr.
Im Garagengewerbe selbst kann weniger von Aufbruchstimmung die Rede sein. Der Fahrzeugmarkt bleibt angespannt, die Margen stehen unter Druck, Kundinnen und Kunden vergleichen genauer, entscheiden zurückhaltender und erwarten gleichzeitig mehr Service, mehr Transparenz und mehr Flexibilität. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen, technologische Umbrüche und ein Wettbewerb, der sich zunehmend internationalisiert.
AGVS-Zentralpräsident Manfred Wellauer spricht denn auch Klartext. Das Schweizer Autogewerbe befinde sich mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel. «Die Margen im Handel sind weiterhin unter Druck», hält er in seiner Rede fest. Gleichzeitig seien Kundinnen und Kunden preissensibler und anspruchsvoller geworden. Neue Anbieter drängen in den Markt, etablierte Geschäftsmodelle geraten unter Druck, gleichzeitig entstehen neue Chancen. Wer Wandel nur als Bedrohung versteht, denkt zu eindimensional. Diese Einschätzung deckt sich mit den Linien, die Wellauer jüngst an der Präsidentenkonferenz skizziert hat.
Besonders sichtbar wird dies beim Markteintritt chinesischer Hersteller. Diese gewinnen an Bedeutung, bringen attraktive Fahrzeuge auf den Markt und suchen Vertriebspartner mit lokaler Verankerung und hoher Servicequalität. Manfred Wellauer sagt dazu: «Wir dürfen diese Entwicklung nicht als Bedrohung sehen, sondern als Realität, die wir aktiv gestalten können.» Für das Schweizer Garagengewerbe ist das Herausforderung und Chance zugleich.
Stabiler präsentiert sich vielerorts das Werkstattgeschäft – noch immer die zentrale wirtschaftliche Stütze zahlreicher Betriebe. Doch auch hier verändert sich der Alltag. Fahrzeuge werden komplexer, Software gewinnt an Bedeutung, klassische mechanische Arbeiten nehmen teilweise ab, gleichzeitig steigen die Anforderungen an Diagnostik, Datenzugang und technisches Know-how. Die Werkstatt der Zukunft denkt anders, arbeitet anders – und braucht andere Kompetenzen.
Ein Thema begleitet die Branche dabei unverändert: der Fachkräftemangel. Zwar entspannt sich die Lage punktuell, doch qualifizierte Mitarbeitende bleiben gesucht. Mechatronikerinnen, Diagnostiker, Kundendienstprofis oder motivierte Lernende fallen nicht einfach vom Himmel. Das Autogewerbe steht im Wettbewerb mit anderen Branchen – und muss sich als attraktiver Arbeitgeber weiterhin selbstbewusst positionieren.
Gerade in diesem Umfeld zeigt sich die Rolle des Verbands. Der AGVS versteht sich nicht nur als Interessenvertreter, sondern auch als Plattform, Vernetzer und Impulsgeber. Die Delegiertenversammlung bietet dafür den passenden Rahmen. Hier treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus den Sektionen, diskutieren, ordnen ein und setzen gemeinsam Signale für die kommenden Jahre.
Auch personell gibt es Bewegung. Mit Markus Julmy erhält der Zentralvorstand Verstärkung. Der Vertreter der markenfreien Händler bringt nicht nur die Perspektive eines wichtigen Marktsegments mit, sondern auch langjährige Verbandserfahrung. Als langjähriges Mitglied der Kommission Service, Technik und Umwelt (KSTU) kennt er die Herausforderungen des Garagenalltags ebenso wie die strategischen Fragestellungen auf Verbandsebene. Die Wahl erfolgt unter dem Applaus der Delegierten – auch als Zeichen der Wertschätzung für seine langjährige Verbandsarbeit. Seine Wahl ist ein Zeichen für die Breite des AGVS. Dazu ist Markus Julmy, der Ort der Wahl hätte nicht passender sein können, ein waschechter Freiburger. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Aufbruch.
Die Delegiertenversammlung steht aber nicht nur für inhaltliche Diskussionen, sondern auch für Veränderung im eigenen Haus. So geht der AGVS beim Geschäftsbericht neue Wege. Erstmals erscheint dieser in hybrider Form: Die kompakte Übersicht findet sich in einem Leporello, das der Juli-Ausgabe von AUTOINSIDE beiliegt. Wer tiefer eintauchen möchte, gelangt via QR-Code zum ausführlichen digitalen Bericht. Ergänzt wird das Ganze durch ein professionell produziertes Jahresvideo, das auf 2025 zurückblickt und die wichtigsten Momente nochmals aufgreift. Ein pragmatischer Ansatz – passend zu einer Branche, die Digitalisierung nicht nur diskutiert, sondern zunehmend konkret lebt.
Ein Thema, das im Hintergrund ebenfalls mitschwingt, ist die personelle Zukunft an der Verbandsspitze. Dass Manfred Wellauer nicht für eine lange Amtszeit angetreten ist, war von Beginn weg klar. Er wurde im vergangenen Jahr ad interim für zwei Jahre gewählt, um in einer Übergangsphase Stabilität zu gewährleisten. 2027 steht deshalb planmässig die Wahl einer neuen Präsidentin oder eines neuen Präsidenten an. Die Suche nach einem Nachfolger läuft auf Hochtouren. Noch aber liegt der Fokus klar auf der Gegenwart – und auf den Aufgaben, die jetzt anstehen.
Und davon gibt es genug. Die Elektrifizierung entwickelt sich weniger linear als prognostiziert, die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten, aber auch neue Abhängigkeiten. Kundinnen und Kunden verändern ihr Verhalten, Geschäftsmodelle verschieben sich, politische Rahmenbedingungen bleiben in Bewegung. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht Anpassungsfähigkeit – und einen starken Verband.
An der Delegiertenversammlung in Freiburg wird deshalb nicht nur auf das vergangene Jahr zurückgeblickt. Hier geht es auch darum, gemeinsam den Kurs für die Zukunft abzustecken. Das Schweizer Autogewerbe steht unter Druck, keine Frage. Aber es bringt vieles mit, was in anspruchsvollen Zeiten zählt: unternehmerisches Denken, technische Kompetenz, Kundennähe und eine bemerkenswerte Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden.
Im Forum Fribourg wird daher nicht Alarmstimmung verbreitet. Aber auch keine Schönfärberei betrieben. Vielmehr zeigt sich ein Gewerbe, das seine Herausforderungen kennt, ohne daran zu verzweifeln. Oder, wie Manfred Wellauer es formuliert: «Wenn es eine Branche gibt, die Wandel nicht nur übersteht, sondern aktiv gestaltet, dann ist es unser Autogewerbe.»
Stillstand ist keine Option. Es braucht Wandel, Fortschritt, Bewegung. Bewegung tut bekanntlich gut. Am besten gemeinsam.