Wertvolles Wissen erhalten statt verlieren

Wenn Erfahrung in Pension geht

Mit jeder Pensionierung droht Garagen wertvolles Know-how verloren zu gehen. Doch Erfahrungswissen muss den Betrieb nicht verlassen. Worauf es beim Wissenstransfer ankommt und mit welchen einfachen Massnahmen sich dieser erfolgreich gestalten lässt.
Publiziert: 24. Juli 2026

Von

Dora Szöke


										Wenn Erfahrung in Pension geht
Was passiert mit dem Wissen, das eine Person teils über Jahrzehnte aufgebaut hat? Foto: Peter Fuchs

Bis 2040 werden der Schweizer Wirtschaft rund 431'000 Arbeitskräfte fehlen – acht Prozent aller heute Erwerbstätigen. Den Höhepunkt erreicht diese Entwicklung 2029: Dann gehen laut den Berechnungen von Economiesuisse zufolge über 30'000 Personen mehr in Pension, als junge Arbeitskräfte nachrücken. Auch das Autogewerbe bleibt davon nicht verschont.

Wenn eine langjährige Mitarbeiterin oder ein langjähriger Mitarbeiter in Pension geht, muss eine Stelle zunächst neu besetzt werden. Darüber machen sich die meisten Garagen frühzeitig Gedanken. Weniger offensichtlich ist eine andere Frage: Was passiert mit dem Wissen, das diese Person teils über Jahrzehnte aufgebaut hat?

 

Wissen, das in keinem Handbuch steht

Fachleute sprechen hier von implizitem Wissen oder Erfahrungswissen. Dieses wächst mit jeder Diagnose, jeder anspruchsvollen Reparatur und jedem Kundengespräch. Wer über Jahrzehnte in einer Garage arbeitet, entwickelt ein Gespür für Zusammenhänge, erkennt Muster und findet Lösungen oft schneller als jemand, der erst seit wenigen Jahren im Beruf tätig ist. Genau dieses Wissen macht erfahrene Mitarbeitende für ein Unternehmen so wertvoll und genau dieses Wissen droht mit einer Pensionierung auf einen Schlag verloren zu gehen.

Dass dieser Verlust real messbar ist, zeigt eine Studie zum deutschen Arbeitsmarkt: Es dauert im Schnitt anderthalb bis zwei Jahre, bis eine Nachfolge das Erfahrungsniveau der vorherigen Fachkraft erreicht.

 

Warum Wissenstransfer in der Praxis oft scheitert

In der Theorie ist der Fall klar: Wissen soll weitergegeben werden, bevor es weg ist. In der Praxis scheitert diese Idee aber häufig. Nicht aus bösem Willen, sondern aus strukturellen Gründen: Im Tagesgeschäft einer Garage fehlt oft schlicht die Zeit, jüngeren Kolleginnen und Kollegen etwas in Ruhe zu erklären, wenn die nächste Kundin schon wartet. Manche erfahrenen Fachkräfte tun sich zudem schwer damit, ihr Wissen bewusst zu vermitteln. Nicht aus Unwillen, sondern weil vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist und gar nicht mehr als «besonderes Wissen» wahrgenommen wird. Diese Hindernisse verschwinden nicht von selbst. Sie lassen sich aber gezielt angehen, wenn Betriebe den Wissenstransfer nicht dem Zufall überlassen, sondern strukturiert angehen.

 

Erst der Überblick, dann der Transfer

Der erste Schritt ist deshalb, sich einen Überblick zu verschaffen. Welche Aufgaben hängen heute stark von einzelnen Personen ab? Wer verfügt über Spezialwissen zu bestimmten Fahrzeugmarken oder Diagnosen? Wer kennt langjährige Kundinnen und Kunden und ihre Fahrzeughistorie? Solche Fragen helfen, Abhängigkeiten frühzeitig zu erkennen; und dies idealerweise mehrere Jahre vor der Pensionierung und nicht erst in den letzten Monaten.

Ein in der Schweizer Wissensmanagement-Praxis erprobter Ansatz ist die strukturierte Übergabe einer Nachfolge in mehreren Phasen: von der Auslegeordnung über die schrittweise Übergabe bis zur begleiteten Einarbeitung. Anbieter, die Betriebe bei solchen Prozessen begleiten, berichten von einer um bis zu 30 Prozent verkürzten Einarbeitungszeit, wenn Wissen systematisch statt zufällig weitergegeben wird.

 

Wissen entsteht im Arbeitsalltag

Vieles lässt sich zwar dokumentieren, doch Erfahrungswissen funktioniert anders. Es entsteht im Arbeitsalltag und wird dort auch am besten weitergegeben. Wenn erfahrene Mitarbeitende jüngere Kolleginnen und Kollegen bewusst in anspruchsvolle Arbeiten einbeziehen, ihre Überlegungen erklären und nicht nur zeigen, was sie tun, sondern auch weshalb sie sich für einen bestimmten Lösungsweg entscheiden, wird Wissen greifbar.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Pensionierungen als Übergang statt als klaren Schlusspunkt zu verstehen. Manche Betriebe planen bewusst eine Überlappung zwischen einer erfahrenen Fachkraft und ihrer Nachfolge. Interessant ist dabei auch die umgekehrte Richtung: Bei Elektrofahrzeugen und softwarebasierter Diagnostik verschiebt sich Wissen zunehmend auch von Jung zu Alt. Erfahrene Mechanikerinnen und Mechaniker, die ihr Handwerk an klassischen Verbrennermotoren gelernt haben, profitieren hier oft selbst vom digitalen Know-how jüngerer Kolleginnen und Kollegen. Wissenstransfer im Autogewerbe funktioniert damit in beide Richtungen.

Die Unternehmenskultur entscheidet

Letztlich entscheidet vor allem die Unternehmenskultur darüber, ob Wissen geteilt wird. Gibt es im Betrieb Zeit, Fragen zu stellen? Wird erklärt, weshalb ein bestimmter Lösungsweg gewählt wurde? Oder erledigen alle die Arbeit für sich? Wissenstransfer lebt davon, dass Erfahrungen weitergegeben werden wollen und dass Betriebe den nötigen Raum dafür schaffen.

Angesichts des spürbaren Arbeitskräftemangels, der sich laut Prognosen bis Ende dieses Jahrzehnts noch verschärfen dürfte, wird dieses Thema für das Autogewerbe zunehmend zur Existenzfrage. Neue Mitarbeitende zu finden, bleibt eine Herausforderung. Umso wichtiger ist es, das Wissen jener zu sichern, die den Betrieb in den kommenden Jahren verlassen werden. Wer Erfahrung rechtzeitig weitergibt, verliert mit einer Pensionierung nicht einen Teil seines Know-hows, sondern schafft die Grundlage dafür, dass es im Unternehmen weiterlebt.

 

Drei Schritte, mit denen Garagen diese Woche starten können

  • Liste erstellen: Welche zwei bis drei Personen im Betrieb verfügen über Wissen, das sonst niemand hat?
  • Für jede Person einen Zeitpunkt festlegen, bis wann ein Tandem oder eine strukturierte Übergabe beginnen soll – nicht erst im letzten Anstellungsjahr.
  • Eine feste Zeit im Wochenplan für kurze Fallbesprechungen reservieren, auch wenn es nur 15 Minuten sind.

 

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