Theorie ist gut, Praxis besser
Ein HV 2-Kurs und die bestandenen Prüfungen bilden den Einstieg und eine erste Basis für Hochvolt-Arbeiten in einer Werkstatt. Doch das praktische Wissen, wie Fahrzeuge spannungsfrei zu schalten sind, kommt in den Kursen meist zu kurz, da in der Stufe HV 2 oft keine weiterführenden Messungen, Beurteilungen des Batteriezustands oder Vorgehensweisen bei Fehlfunktionen gelehrt werden.
In Zukunft werden Reparaturen an HV-Batterien nötig werden, und auch bei Fehlern im HV-System müssen womöglich Messungen unter Spannung durchgeführt werden. Hierfür reichen die Stufe 2 und die dort erlernten Kompetenzen nicht aus, weshalb die Kompetenzen über einen HV 3(S)-Kurs zu erweitern sind.
Nur: Die Gesetzgebung hinkt dem Markthochlauf der Elektromobilität in der Schweiz etwas hinterher. Eine konkrete Regelung und ein rechtsverbindlicher Ausbildungsrahmen fehlen. Man muss sich derzeit mit einer Kombination aus allgemeinen arbeits- und elektrosicherheitsrechtlichen Vorgaben sowie herstellereigenen Anweisungen begnügen (siehe auch AUTOINSIDE 03/2026: «Sicherheit als roter Faden»). «Im Bereich der Hochvolt-Grundausbildungen, also HV 1 und HV 2, konnten in der Schweiz in den letzten Jahren bereits sehr gute und etablierte Resultate erzielt werden. Die Inhalte, Kompetenzstufen und Abschlüsse sind anerkannt und erfüllen ihren Zweck», bestätigt auch Stefan Binggeli, Manager of Technical Training an der Academy by Amag Import. «Sie vermitteln ein solides sicherheitstechnisches Fundament und ein gemeinsames Grundverständnis für den Umgang mit Hochvoltsystemen. Gleichzeitig ist in der Praxis klar geregelt, dass eine Reparatur- oder Arbeitsfreigabe an konkreten Fahrzeugen erst nach Absolvierung der herstellerspezifischen Module erfolgt. Diese Trennung zwischen Grundqualifikation und produktbezogener Freigabe hat sich bewährt.»
Während der AGVS und weitere Bildungspartner sich bemühen, neben den Grundqualifikationen auch weiterführende Kompetenzen in die HV 3-Kurse und die Ausbildung zu integrieren, möchte man bei Importeuren und Herstellern – nicht zuletzt wegen der Haftungsfragen – weiterhin die produktbezogenen Ausbildungsteile sowie anspruchsvolle Arbeiten im HV 3-Umfeld, die Freigabemodule beinhalten, (noch) nicht ausser Haus zulassen. Das notwendige Detailwissen zu den jeweiligen Systemarchitekturen, Sicherheitskonzepten und Arbeitsprozessen liege hier schlicht bei den Marken selbst. «Es braucht aufeinander aufbauende, markenspezifische Ausbildungsmodule, die direkt an den realen Fahrzeugen, Systemen und Werkzeugen des Herstellers stattfinden», hält Stefan Binggeli dazu fest.
In der Praxis zeige sich an der Academy by Amag Import, dass die HV 3-Kursteilnehmenden alle hoch motiviert seien, gleichzeitig das Einstiegsniveau durch die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe, Erfahrungen mit Elektrotechnik, Diagnosesystemen oder Hochvoltfahrzeugen jedoch stark variieren könne. «Dieses heterogene Ausgangsniveau gleicht sich im Verlauf der Ausbildung an. Die Prüfungen erfüllen dabei eine wichtige Filter- und Sicherungsfunktion», so der Amag-Experte weiter. «Motivation allein reicht nicht aus, wenn die fachliche Eignung oder das notwendige Sicherheitsverständnis nicht gegeben ist. Eine konsequente Prüfung und eine saubere Abgrenzung der Qualifikationsstufen in einem sicherheitskritischen Umfeld wie dem HV-Bereich sind schlicht nötig», unterstreicht er nochmals die Bedeutung der Sicherheit bei HV-Arbeiten.
Auch für Johann Thom, Fachvorsteher Autotechnik an der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz, ist die Sicherheit absolut zentral, aber er will auch für freie Werkstätten unabhängig von den Markenschulungen allgemein anerkannte HV 3-Kurse anbieten: «Aktuell könnte man sich darauf einigen, die theoretischen Themen gegenseitig anzuerkennen. Ebenfalls im Gespräch ist eine gemeinsame Prüfungsplattform, um wie bei HV 1 und HV 2 einen gewissen Standard zu setzen.» Doch bis zur vollständigen Harmonisierung der HV 3(S)-Ausbildung aufgrund der grossen Systemunterschiede zwischen den Herstellern wird es wohl noch ein weiter Weg sein. Welche Erfahrungen haben die Bündner mit ihren ersten HV 3-Kursen bislang gemacht? «Die Teilnehmenden waren zufrieden und begeistert, dass sie so vielfältige HV-Arbeiten ausführen durften», so Thom. «Gut angekommen ist zudem, wie konsequent die Sicherheitsvorschriften durchgesetzt wurden. Das hat ebenfalls zu einer zusätzlichen Sensibilisierung geführt.»
Die ibW Höhere Fachschule Südostschweiz kann für die Durchführung der Kurse auf eine hohe Fachkompetenz zurückgreifen. «Wir können uns glücklich schätzen, dass wir auf unseren HV-Experten Harry Pfister zählen dürfen. Er hat vor über zehn Jahren die Stufe 3 erlangt und kann auf mehr als 20 Jahre Erfahrung sowie Weiterbildungen im Bereich Hybrid- und Elektrofahrzeuge bei diversen Markenschulungen zurückgreifen», verrät der Fachvorsteher Autotechnik. Dadurch habe man über die Jahre ein regelrechtes Kompetenzzentrum für E-Mobilität mit einem grossen Fahrzeugpark und unzähligen Modellen aufbauen können. «Zudem haben in der Zwischenzeit praktisch alle unsere Fachlehrer und üK-Instruktoren ebenfalls die Stufe 3 erlangt», ergänzt Johann Thom.
Auch im AGVS-Ausbildungscenter der Sektion Zentralschweiz möchte man bald HV 3-Kurse anbieten. Jörg Merz, Geschäftsführer AGVS-Sektion Zentralschweiz, verrät: «Die HV 3-Kurse werden bei uns drei Tage dauern, um sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die anspruchsvollen praktischen Arbeiten abzudecken.»
Herausforderungen im Bereich HV 3-Schulung sieht Merz auch in einer internationalen Harmonisierung mit der DGUV-Systematik, insbesondere HV 2S, damit solche Qualifikationen ebenfalls grenzüberschreitend anerkannt werden könnten. Aktuell ist dies noch nicht gegeben, was den Zugang zu weiterführenden Kursen und die Mobilität von Fachkräften deutlich einschränkt. «Ziel müsste ein formeller Abgleich der Inhalte und Kompetenzen sein, um mittelfristig eine gegenseitige Anerkennung der Qualifikationen zwischen der Schweiz und der EU zu erreichen», erläutert Jörg Merz.
Für den AGVS-Experten ist dazu ein markenneutrales Training zentral, da Sicherheitsprinzipien und Grundprozesse bei Hochvoltsystemen herstellerübergreifend gleich sind. Das erhöht für ihn die Flexibilität im Werkstattalltag und erleichtert den Einsatz von Mitarbeitenden über verschiedene Marken hinweg. Klar ist für Jörg Merz ebenfalls: «Produktspezifische Besonderheiten müssen jedoch ergänzend geschult werden.» Entscheidend ist für Merz der didaktische Ansatz bei dieser Schulung: «Für einen nachhaltigen Lernerfolg müssen die Teilnehmenden aktiv arbeiten und nicht nur zuschauen. Deshalb setzen wir konsequent auf praktische Übungen in maximalen Zweierteams, in denen alle Arbeitsschritte selbst durchgeführt werden, auch wenn dies eine aufwendigere und kostenintensive Infrastruktur erfordert. Das führt zu mehr Handlungssicherheit und einem besseren Transfer in den Werkstattalltag.»
Für die Kursleiter im AGVS-Center selbst können die Zentralschweizer auf Experten aus dem eigenen Team zurückgreifen. «Wir fördern engagierte Kursleiter gezielt und investieren in deren Weiterentwicklung, etwa durch ‹Train the Trainer›-Lehrgänge oder Fachkurse, beispielsweise bei Bosch», erläutert Jörg Merz. «Ergänzend ermöglichen wir gezielte Praxiseinsätze in spezialisierten Betrieben, auch in Deutschland, um aktuelle Entwicklungen direkt mitzuerleben. Über unser Netzwerk stellen wir sicher, dass reale Praxisfälle laufend in die Schulungen einfliessen und wir schnell auf neue Anforderungen reagieren können.»
Wie wichtig ein Praxisbezug und ein nächster Schritt bei Arbeiten unter Spannung an HV-Systemen sind, um stets auf der sicheren Seite zu sein, darüber sind sich alle Parteien einig. Wie genau eine stärkere Harmonisierung der HV 3(S)-Ausbildung aussehen soll – national wie auch in Abstimmung mit Europa – ist weiterhin offen. Der intensive Austausch von AGVS, Importeuren und weiteren Bildungspartnern tut jedoch not, denn die Entwicklung der E-Mobilität schreitet rasant voran. BYD rollt mit dem Denza Z9 GT mit einer 800-V-Architektur und der Möglichkeit, mit bis zu 1500 kW Peak zu laden, die nächste Stufe der E-Mobilität in Europa erst gerade aus. Es wird nicht die letzte Neuerung sein, die mit dem legendären «China Speed» bei uns ankommt und früher oder später auch in unseren Werkstätten landen wird. Daher heisst es, Schritt zu halten und für Sicherheit durch Kompetenz und Verantwortung im HV-Bereich gemeinsam die nötige Basis zu legen, selbst wenn ein rechtsverbindlicher Rahmen noch fehlt.