«AmiGo» der Postauto AG

Auch Robotaxis brauchen Garagen

Postauto testet in der Ostschweiz automatisierte Fahrzeuge für den öffentlichen Verkehr. Ab 2027 sollen sie sogar ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein. Für Wartung und Reparaturen der Flotte braucht es aber weiterhin kompetente Fachleute in der Garage.
Publiziert: 28. August 2026

Von

AGVS-Newsdesk


										Auch Robotaxis brauchen Garagen
Ab 2027 sollen Fahrgäste dank «AmiGo» via App in einem rund 80 Quadratkilometer grossen Bereich in der Ostschweiz voll automatisiert transportiert werden. Foto: Postauto

Das Lenkrad dreht sich wie von Geisterhand, der gelbe Van beschleunigt, hält Abstand und bremst. Das alles passiert von selbst, automatisiert und ohne dass der zur Sicherheit darin sitzende Fahrer eingreifen muss. Solche Szenen gehören auf den Altstätter Strassen im St.Galler Rheintal mittlerweile zum Strassenbild. Seit Juni sind fünf knallgelbe Fahrzeuge von Postauto dank einer Ausnahmebewilligung des Bundesamts für Strassen (Astra) in Teilen der Ostschweiz für freihändige Testfahrten mit Sicherheitsfahrer an Bord unterwegs.

«AmiGo» nennt sich das Projekt, mit dem die Postauto AG ab 2027 Fahrgäste voll automatisiert durch ein rund 80 Quadratkilometer grosses Gebiet in den Kantonen St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden transportieren möchte. «In Europa wäre es das erste Mal, dass sich ein automatisiertes Fahrzeug ohne Sicherheitsfahrerin oder Sicherheitsfahrer an Bord fortbewegt», sagt Franziska Schär, Projektleiterin «AmiGo».

Das Robotaxi lernt mit jeder Fahrt 

Das Robotaxi will den öffentlichen Verkehr dort ergänzen, wo die Erschliessung mit dem klassischen Linienverkehr nicht optimal ist. Fahrgäste bestellen die Fahrzeuge künftig per App an einen bestimmten Ort. Bei ähnlichen Strecken können Fahrten für bis zu drei Passagiere zusammengelegt werden. Wie hoch die Preise sein sollen, ist noch unklar. Postauto spricht von einem «attraktiven und fairen Preismodell». Bis es so weit ist mit der autonomen Zukunft, braucht es jedoch noch einige Testfahrten. 

«Unser Hauptaugenmerk liegt momentan beim Erproben der Software», sagt Schär. Jedes Mal, wenn das Fahrsystem an seine Grenzen stösst und der Sicherheitsfahrer eingreifen muss, wird das an den Technologiepartner zurückgespielt, damit sich das Auto stetig verbessern kann. Zum Einsatz kommt dabei der vollelektrische Apollo RT6 von der chinesischen Techfirma Baidu. Hergestellt wird er von der Jiangling Motors Corporation Group. In China und in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind fahrerlose Robotaxis in grösseren Flotten bereits unterwegs. Auch deshalb habe man sich für Baidu, das chinesische Pendant zu Google, entschieden.

Eine Menge Hightech an Bord 

Auf bestimmte Schweizer Gegebenheiten muss der Apollo RT6 jedoch noch trainiert werden. Dazu gehören beispielsweise schmale Nebenstrassen in Tempo-30-Zonen. «Wenn die Strasse durch Stahlpfosten verengt wird, muss das Fahrzeug noch lernen, wo es anhalten und Vortritt gewähren muss», erklärt Schär. Damit habe man aber gerechnet. Zu brenzligen Situationen sei es bislang nicht gekommen – denn genau deshalb überwacht ja noch ein Mensch im Wagen das autonome Fahren. «Bevor es heikel wird, greifen die Sicherheitsfahrer ein», führt Schär aus. 

Alles in allem finde sich das Fahrzeug jedoch bereits sehr gut in der Ostschweiz zurecht. Insgesamt 36 Sensoren – darunter Kameras, Radar- oder Ultraschallsensoren – sorgen dafür. Das macht auch den Unterschied gegenüber gewöhnlichen Elektrofahrzeugen aus. «Abgesehen davon ist es aber relativ unspektakulär. Es ist ein Serienfahrzeug vom Band und hat normale Wartungszyklen», sagt Schär.

Werkstattarbeit in der Partnergarage

Ganz gewöhnlich ist die Werkstattarbeit trotzdem nicht. Gemäss Sicherheitsprotokoll muss die Sensorik hier anders als bei «normalen» Assistenzsystemen nicht nur nach einer Reparatur oder nach Wartungsintervallen, sondern jeden Tag aufs Neue vor Fahrantritt überprüft werden. Beim Unterhalt arbeitet Postauto mit der Schwesterfirma Post Company Cars und einer ungenannten Partnergarage in der Ostschweiz zusammen. Damit deren Mitarbeitende auch Arbeiten an den «AmiGo»-Fahrzeugen übernehmen können, werden sie von Spezialisten des Technologiepartners ausgebildet. 

«Alles, was die regelmässige Wartung und den Unterhalt des Serienfahrzeugs betrifft, übernimmt die Partnergarage», so die Projektleiterin. Eine klare Grenze gibt es bei der eigentlichen Steuerung des automatisierten Fahrsystems. «Das Technologieset, also die Softwaresteuerung und -logik, wird weiterhin ausschliesslich von Baidu betreut.» 

Service läuft nicht autonom 

Weil die Fahrzeuge mit einer Leistung von 110 kW/150 PS und einer Reichweite von 380 Kilometern später im öffentlichen Verkehr möglichst intensiv genutzt werden sollen, rechnet man bei Postauto mit entsprechender Werkstattarbeit bei klassischen Verschleissteilen. «Die Serienfähigkeit des Autos erleichtert dabei die Arbeit», ist Schär überzeugt.  

Aktuell besitzt Postauto fünf Wagen des Typs Apollo RT6. Auf insgesamt 25 Stück soll die Flotte wachsen. Auch wenn im Laufe des kommenden Jahres kein Sicherheitsfahrer mehr an Bord sein soll, wird der Mensch dennoch eine Rolle spielen. Aus der Zentrale überwachen sogenannte Remote Assistant Officers die Fahrzeuge über einen Bildschirm. «Sie haben einen 360-Grad-Blick um das Fahrzeug. Wenn das Fahrzeug merkt, dass es Hilfe braucht, schickt es einen Alarm. Die Operatoren können dann Hinweise geben oder das Fahrzeug zum Anhalten auffordern.» Der Fahrer könnte mit «AmiGo» also tatsächlich aus dem Fahrzeug verschwinden. Der Mensch in der Zentrale wird jedoch vorerst bleiben – und die Fachleute in der Garage auch.

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