«Länge ist eben wichtig!»
Neue Antriebs- und Sicherheitssysteme verändern nicht nur den Werkstattalltag, sondern auch die Ertragslogik in den Garagen. Welche Dienstleistungen will man künftig noch selbst erbringen, welche Ertragsfelder anderen überlassen? Am Bosch Garagen Day 2026 in Zuchwil SO gab es vom weltweit grössten Zulieferer einen Überblick über die wichtigsten Herausforderungen bei ADAS, Hochvoltsystemen, Batteriediagnose und -reparatur, Lenkgeometrie, Thermomanagement und Softwarediagnose. Diese Themen sind in Zukunft alles entscheidende Bestandteile des Aftersales und wollen entsprechend abgedeckt sein.
Rund 100 Grosshändler, Konzeptpartner des Bosch Car Service sowie eine grosse Anzahl an Ausbildnern verschiedener AGVS-Bildungszentren wollten mehr über die Lösungsansätze der Mobilitätsexperten von Bosch erfahren und liessen sich die Bosch-Highlights für die Werkstatt von morgen genauer erläutern. Nach einer Einleitung von Ute Lepple, General Manager Bosch Switzerland, die auch die anderen Sparten des Grosskonzerns kurz vorstellte, sowie Dirk Appelt, Leiter Automotive Schweiz, skizzierte Sandro Francescutto, Leiter Garagenausrüstung bei der Robert Bosch AG, was in den nächsten Jahren auf die Werkstätten zukommt und weshalb man bei Bosch so viel in Forschung und Entwicklung investiert – und wieso sich für Schweizer Garagisten ein Blick nach Norwegen lohnt.
«Zum 19. Mal in Folge sind wir bei Bosch bezüglich Patentanmeldungen mit 4109 Patenten im Jahr 2025 die Nummer 1 in Deutschland gewesen», sagte Sandro Francescutto. «Das ist uns wichtig und zeigt: Wir sind zukunftsfähig.» Trotz KI, die selbstverständlich auch beim Zulieferer und bei all seinen Produkten und Dienstleistungen immer wichtiger wird, investiert man ganz bewusst auch in 82'000 Mitarbeitende in der Forschung und Entwicklung. «Wir haben 10'500 Patente allein für die ADAS-Systeme. Weltweit melden wir rund 35 Patente pro Arbeitstag an, das ist unser Investment in die Zukunft», so der Leiter Garagenausrüstung bei der Robert Bosch AG weiter. Und dieses Investment kommt nicht nur den Autoherstellern durch neue Komponenten, sondern natürlich auch dem Aftermarket und den Garagen zugute.
In diesem Zusammenhang zeigte Francescutto auf, dass der sogenannte Corner Radar, ein Radarsensor an den vorderen und hinteren Stossfängern, und dessen Kalibrierung an Bedeutung gewinnen werden, weil Neufahrzeuge künftig Fussgänger sowie Rad- und Motorradfahrer auch seitlich erkennen müssen. Dank laufender Erweiterungen durch Upgrade-Kits kann die DAS 3000 von Bosch auch solche Kalibrierungen vornehmen und bleibt so auf der Höhe der Zeit. «ADAS sind eigentlich ein sehr altes Thema. Wir haben bei Bosch bis 2024 bereits über 100 Millionen Radarsensoren produziert, und die müssen ja alle auch mal kalibriert werden», verrät Francescutto mit vielsagendem Lächeln. «Was uns neu beschäftigt, ist KI in den ADAS-Systemen, damit diese Gefahrensituationen besser erkennen können und auf schlingernde Anhänger oder einen Fussball, der auf die Strasse rollt, richtig reagieren können. Das grosse Thema ist hier aktuell noch die Rechenleistung. Später wird es darum gehen, diese Systeme zu verkleinern und sie tauglich für den Einbau in Fahrzeuge zu machen.»
Die rund 100 Gäste des Bosch Garagen Days erhielten auch exklusive Einblicke, etwa über die Entwicklung eines E-Ladekabels von Bosch für den Aftermarket. «Wir beliefern rund 50 Autohersteller mit sieben Millionen Komponenten fürs elektrische Fahren, machen aber weiterhin das Geld mit Benzin- und Dieseltechnologie, wie ihr in den Werkstätten auch», so der Bosch-Experte. Gleichzeitig gelte es, sich schon jetzt auf die Zukunft sowie die sich bietenden oder sich erst öffnenden Geschäftsfelder vorzubereiten. «Ich empfehle euch, einen Blick nach Norwegen zu werfen. Wir machen es auch», so Francescutto.
Denn in Norwegen wird wegen der hohen E-Auto-Dichte selbst in den freien Werkstätten schon heute in den Geschäftsfeldern agiert, die hierzulande wohl erst in drei bis fünf Jahren voll aufblühen. «Wir haben die Geräte, die wir euch heute als Neuheiten präsentieren können, in Norwegen schon im Einsatz, und die Garagisten sind begeistert davon», erläutert er zum Start des Workshops mit Experte Dennis Behrendt. Dieser stellte das neue Dream-Team für die Wartung von Hochvoltbatterien vor: einen Batterielader und -entlader (BAL 2260), einen Zellenausgleicher (BCB 5524) und einen Dichtetester für Batterien (BT 101). «Je nach Kapazität der Antriebsbatterie oder auch Unterschieden bei den Modulen können solche Arbeiten nicht nur ein paar Minuten, sondern mehrere Stunden dauern», verrät Behrendt.
Und genau weil HV-Arbeiten teils viel Zeit in Anspruch nehmen können, hat Bosch auch eine Strategie rund um seinen praktischen Scherenhubtisch entwickelt. Dieser ermöglicht einfache, sichere und effiziente Montage- oder Demontagearbeiten an Motoren, Getrieben und HV-Batterien, hat eine Tragfähigkeit von bis zu 1400 kg und eine Plattform mit bis zu 2,14 m Länge. Experte Roland Hauptmann scherzte dazu zweideutig: «Die Länge ist eben wichtig! Ältere Tische sind oft kürzer. Das birgt die Gefahr, dass es bei grossen Antriebsbatterien zu Spannungen und dann auch zu Rissen im Deckel kommen kann, weil sie über den zu kleinen Tisch hinausragen und damit durchhängen», so Hauptmann.
Bosch liefert nicht nur den Hubtisch, sondern auch die nötigen Adapter mit einer Tragfähigkeit von bis zu 350 kg pro Adapter. Zudem hat Bosch einen bis 2000 kg tragenden, U-förmigen Supportwagen für das einfache Entladen, das sichere Handling und die fachgerechte Reparatur von Hochvoltbatterien in der Werkstatt im Angebot. Der Bosch-Experte zeigte im Workshop ausserdem, wie schnell der Hubtisch wieder für neue Arbeiten freigemacht werden kann. Arbeiten in der Werkstatt kann ebenfalls das neue universelle Hebesystem Atlas deutlich erleichtern, das eine Tragfähigkeit von bis zu zwei Tonnen bei einem Meter Länge oder einer Tonne bei der maximalen Länge von zwei Metern aufweist und problemlos unter den Hubtisch geschoben werden kann.
Während die E-Mobilität in Norwegen schon Einzug gehalten hat, macht sie in der Schweiz wohl höchstens zwei bis drei Prozent des Aftermarkets aus. Doch es gilt, sich jetzt vorzubereiten, auch auf verwandte Themen wie das Thermomanagement. «Für die E-Mobilität ist das entscheidend, denn ohne funktionierende Klimaanlage wird es nicht nur heiss im Wagen, sondern die Batterie wird ebenfalls zu heiss. Daher wird aus Sicherheitsgründen der Antrieb gestoppt», erläutert Sandro Francescutto. «Bei einem optimalen Thermomanagement hält die Antriebsbatterie zudem länger, weil sie weniger Stress unterliegt.» Die E-Mobilität schafft ebenfalls neue Umsatzfelder im mechanischen Bereich für die Werkstätten. Schliesslich gibt es fast keinen älteren Tesla, der noch mit den originalen Querlenkern unterwegs ist.
Einen wichtigen, immer wieder erweiterten und auf den neuesten Stand gebrachten Helfer für den Werkstattalltag hat Bosch zudem mit dem ESI[tronic] im Angebot. Uwe Buechau, Produktspezialist Diagnostics, rechnete vor, dass letztes Jahr allein 392 Fehlerbehebungsanweisungen für rund 4000 Fahrzeuge, 2481 Dokumente für erfahrungsbasierte Reparaturen für rund 25'000 Fahrzeuge und 31'000 neue Schaltpläne in das ESI integriert wurden. «Im ESI liefern wir auch für die State-of-Health-Analyse von Batterien die Werte aus dem Steuergerät inklusive grafischer Darstellung und Protokoll», so Buechau.
Gut zu wissen für Schweizer Garagistinnen und Garagisten – genau wie ein weiterer Tipp, den Sandro Francescutto seinen Gästen zum Abschluss eines sehr informativen Garagen Days noch mit auf den Weg gab: «Wir fassen in sogenannten ‹Technik Kurz & Knapp›-Videos wichtiges Werkstattwissen in lediglich 60 Sekunden zusammen. Und dann gibt es noch den YouTuber AT-Zimmermann, einen deutschen Kfz-Meister und Elektrospezialisten, der teilweise etwas reisserisch, aber sehr authentisch von coolen Fällen in seiner Werkstatt berichtet. Auch da lohnt es sich bestimmt, mal reinzuschauen, wenn man sich auf die Zukunft vorbereiten will.»