«Staus sind totaler Unsinn!»

9. November 2018 agvs-upsa.ch – Magdalena Martullo-Blocher ist Chefin der EMS-Chemie, sitzt für die SVP Graubünden im Nationalrat und ist dreifache Mutter. Am «Tag der Schweizer Garagisten» verrät die Unternehmerin des Jahres 2017, welches Geheimnis hinter ihrem Erfolg steckt.

SCO/KRO. Frau Martullo, in Kürze – was macht Ihre EMS-Gruppe?
Magdalena Martullo-Blocher: Wir sind ein Spezialist für hochwertige Kunststofflösungen. Wir berechnen und designen Autoteile so, dass sie günstiger und leichter sind. Wir arbeiten mit allen Autoherstellern und -zulieferfirmen weltweit zusammen. Ich kenne praktisch alle Autowerke auf der Welt.
 

Mit Ihrer EMS-Gruppe sind Sie ein bedeutender Zulieferer der Automobilindustrie. Wo liegen in diesem Geschäft die Schwerpunkte in den nächsten Jahren?
Weniger Gewicht ist im Auto und im LKW nach wie vor sehr wichtig. Viele Länder haben sehr strenge CO2-Vorgaben. Die Hersteller müssen viel entwickeln, haben aber auch zusätzliche Kosten. Mit unserer jahrzehntelangen Erfahrung und unseren Spezialkunststoffen können wir kritische Teile wie die Sitzschale oder das Lenksystem statt aus Metall neu mit Kunststoffen realisieren. So spart der Kunde  50 Prozent der Kosten und bis zu 70 Prozent an Gewicht.

Wie viel Prozent des Umsatzes von 2,146 Milliarden Franken (2017) generiert die EMS-Gruppe im Automobilbereich?
Über 60 Prozent. EMS-Kunststoffe findet man überall dort, wo hohe Anforderungen bestehen. Unsere Materialien sind sehr robust und können hohe Temperaturen und Chemikalien aushalten. Im Maschinenbau und in der Automatisierung kommen EMS-Kunststoffe in Strukturbauteilen und Steuerungseinheiten zum Einsatz. Bei den Markenbrillen stehen Designmöglichkeiten im Vordergrund. Im Sport ist EMS etwa in Skischuhen und Fahrradkomponenten zu finden.

Böse Zungen behaupten, der Autobau bestehe heute vor allem in Logistik: Die Hersteller würden faktisch nur noch die zugelieferten Komponenten zusammenbauen. Sehen Sie das auch so?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Hersteller, die kompetent sind und viel entwickeln. Es gibt aber auch solche, die fast alles zukaufen. EMS arbeitet mit allen eng zusammen. Wir machen als «Materiallieferant» viel mehr als nur Materiallieferungen. Als Schweizer Firma mit hohen Kosten muss man mehr anbieten. Das ist das Geheimnis vieler erfolgreicher Schweizer Firmen. Die Rechnung muss am Schluss aufgehen.

Welches sind in Ihren Augen die grössten Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf die Industrie – und damit verbunden auf das Autogewerbe – zukommen werden?
Die Automobilindustrie muss die Verbrennungsmotoren weiter entwickeln und gleichzeitig die Elektromobilität bezüglich Reichweite und Kosten deutlich verbessern. Mit dem autonomen Fahren werden Konnektivität – Kommunikationsverbindungen jeglicher Art – und Komfort wichtiger. EMS ist überall dabei. Beispiele zeige ich dann am 15. Januar 2019 am «Tag der Schweizer Garagisten» im Rahmen meines Referats.

EMS stellt als Zulieferer der Automobilindustrie beispielsweise Abdichtmaterialien oder hitzebeständige Kunststoffe her. Welche Rolle spielt der Trend weg vom Verbrennungsmotor hin zum Elektroantrieb für Ihr Geschäft?
Im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor wird bei Elektrofahrzeugen das Kühl- und Temperiersystem grösser und komplexer. EMS entwickelt hier neue Lösungen für Kühlleitungen, Ventile und Thermostate.

Sie sind ja nicht nur Unternehmerin, sondern auch Politikerin. Wie kann die Politik dafür sorgen, dass das Gewerbe in der Schweiz auch in Zukunft von guten Rahmenbedingungen profitiert? 
Gerade, weil wir höhere Löhne haben, brauchen wir andere, bessere Rahmenbedingungen. Die ausufernde Bürokratie, mit 150 neuen Seiten pro Woche aus Bern, muss eingedämmt werden! Ich möchte, dass bei jeder neuen Regelung bisherige abgeschafft werden müssen. Gerade das Gewerbe braucht mehr Freiraum, um dem eigentlichen Geschäft nachzugehen. Es ist doch nicht jeder Gewerbler ein Bürogummi oder gar ein Jurist! Das ist gut so! Ich sehe in Bern jeden Tag, wie ideenlos und kleinkariert Juristen denken. Wir Unternehmer müssen aber Chancen anpacken! 55 Prozent aller Regulierungen werden heute aus dem Ausland übernommen. Bürokraten in der EU, der OECD, der Uno oder der WTO erlassen jeden Tag Tausende von Seiten neuer Gesetze, Richtlinien und Auslegungen. Ausländisches Recht schränkt uns heute überall ein und betrifft uns alle im Alltag: Datenschutzregelungen, Steuerregelungen, Sozialversicherungsansprüche, Nicht-Ausschaffung von kriminellen Ausländern, Raumplanungsauflagen, CO2-Abgaben etc. Überall sind wir durch internationale Auflagen betroffen! Wohin führt das noch?

Ihre Partei, die SVP, preist die Selbstbestimmungsinitiative als Mittel an, den Wirtschaftsstandort Schweiz zu stärken. Nun haben sich sowohl die FDP wie auch Economiesuisse gegen das Volksbegehren ausgesprochen. Beide gelten nicht als ausgesprochen wirtschaftsfeindlich…
Leider rennen die FDP und die Economiesuisse, die beide das Gewerbe in Bern nicht vertreten, wenn sie etwas von Europa hören, sofort und blindlings in diese Richtung. Seit über 150 Jahren kennt die Schweiz die Selbstbestimmung als einzigartige, direkte Demokratie. Dieses System hat sich bewährt. Die Schweizer Bürger konnten selber und unabhängig bestimmen, welche Regelungen in der Schweiz gelten sollen und welche nicht.  Das Schweizer Volk hat für gute Rahmenbedingungen gesorgt: Wir haben den höchsten Wohlstand, ein einmaliges Lehrlingswesen, tiefe Abgaben und Steuern, führende Hochschulen etc. 2012 änderte das Bundesgericht aber ohne Not seine Praxis und beschloss, ab sofort dem ausländischen Recht einen Vorrang gegenüber Schweizer Recht einzuräumen. Der Stimmbürger kann zwar noch abstimmen, das Resultat hat vor Gericht aber keine Gültigkeit mehr. Internationale Verträge kann das Volk zukünftig nicht mehr ändern oder künden. Über die Zeit übernimmt die Schweiz so ausländisches Steuer-, Arbeits-, Sozial-, Umweltschutzrecht etc., sogar dort, wo  das Volk dies ausdrücklich nicht will! Der Standort Schweiz verliert dann jegliche Vorteile. Die Selbstbestimmungsinitiative sorgt dafür, dass die Bundesverfassung gegenüber ausländischem Recht wieder Vorrang hat. Ein Prinzip, das in jedem anderen Land der Welt auch gilt! Ein Ja zu dieser Initiative ist nötig, damit die direkte Demokratie in der Schweiz wieder gilt!

Sie sind Politikerin, Unternehmerin, Mutter. Welche Bedeutung hat die individuelle Mobilität für Sie? 
Mobilität hat für mich eine grosse Bedeutung. Ich bin beruflich und politisch viel im In- und Ausland unterwegs. Effiziente Verbindungen sind für Bevölkerung und die Wirtschaft entscheidend. Staus sind ein totaler Unsinn. Weil viele Politiker Städter sind und ein grüner Anstrich politisch immer gut ankommt, wurde der Strassenverkehr in den letzten Jahren vernachlässigt. Die Verkehrsnetze müssen ausgebaut und Engpässe beseitigt werden.

Fahren Sie eigentlich gerne Auto? Und: Was muss ein Auto können, um Sie zu begeistern?
Ich fahre gerne Auto, bin aber in der Regel Beifahrer, da ich die Fahrt als Arbeitszeit nutzen muss. Beruflich bevorzuge ich eine ruhige, sichere Fahrt. Privat muss ich meine Familie, die Freunde meiner Kinder und unglaublich viel Gepäck transportieren, deshalb haben wir einen Bus. Wenn ich frei wäre, würde ich ein sportliches Modell wählen. Vielleicht mache ich das, wenn ich im Ruhestand bin…
 
Magdalena Martullo-Blocher
Magdalena Martullo-Blocher (49) ist Chefin der EMS-Chemie, eines weltweit führenden Anbieters von Hochleistungskunststoffen. Seit ihrer Übernahme 2004 hat sich der Umsatz um 70  Prozent erhöht und der Gewinn vervierfacht. Martullo-Blocher ist Vorstandsmitglied von Scienceindustries und von Economiesuisse. Sie ist Vizepräsidentin der SVP Schweiz und dort verantwortlich für die Wirtschaftspolitik. Als Nationalrätin setzt sie sich konsequent für Freihandel und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen ein.
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